eJournals ZNT – Zeitschrift für Neues Testament 12/23

ZNT – Zeitschrift für Neues Testament
znt
1435-2249
2941-0924
Francke Verlag Tübingen
0601
2009
1223 Dronsch Strecker Vogel

Martina Kumlehn Geöffnete Augen – gedeutete Zeichen. Historisch-systematische und erzähltheoretisch-hermeneutische Studien zur Rezeption und Didaktik des Johannesevangeliums in der modernen Religionspädagogik. Reihe: Praktische Theologie im Wissenschaftsdiskurs Bd. 1, Walter der Gruyter: Berlin /New York 2007, 419 S., ISBN: 1865-1658, Preis: 98,00 Euro

0601
2009
Kristina Dronsch
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72 ZNT 23 (12. Jg. 2009) Buchreport Martina Kumlehn Geöffnete Augen - gedeutete Zeichen. Historisch-systematische und erzähltheoretisch-hermeneutische Studien zur Rezeption und Didak tik des Johannesevangeliums in der modernen Religionspädagogik. Reihe: Praktische Theologie im Wissenschaftsdiskurs Bd. 1, Walter der Gruyter: Berlin / New York 2007, 419 S., ISBN: 1865-1658, Preis: 98,00 Euro Die in der neuen Reihe des Verlages Walter der Gruyter erschienene Habilitationsschrift von Martina Kumlehn bringt trefflich das Anliegen dieser Reihe - nämlich die Praktische Theologie im inner- und außertheologischen Wissenschaftsdiskurs zu verorten - zur Geltung. Ihr Buch ist gleichermaßen sowohl für die Religionspädagogik als auch für die Exegese von grundlegendem Wert, denn es zeigt im Verlauf der Studie nicht nur die unter theologiegeschichtlichen Aspekten enge Verwobenheit dieser beiden theologischen Disziplinen, sondern vor allem auch wie sehr beide Disziplinen unter Einbeziehung eines außertheologischen Wissenschaftsdiskurses an gemeinsamen Arbeitsfeldern und Aufgaben gewinnen können und so das innertheologische Gespräch in Zeiten starker Fächerausdifferenzierung perspektivenreich belebt wird. Dass Martina Kumlehn als Religionspädagogin diese Aufgabe explizit im Spiegel einer neutestamentlichen Schrift - nämlich des Johannesevangeliums - entwirft, zeigt nicht nur die Bereitschaft, das innertheologische Gesprächsangebot konkret werden zu lassen, sondern auch ihr Zutrauen, dass dieses Gespräch auch mit der in der klassischen historisch-kritischen Exegese häufig als sperrig und enigmatisch charakterisierten johanneischen Erzählung gelingt. Hierfür partizipiert Kumlehn an dem Perspektivenwechsel, der sich in der gegenwärtigen Johannesexegese beobachten lässt: nämlich »die literarästhetisch wahrgenommene Textwelt des Evangeliums« (S. 2) in den Mittelpunkt der Interpretation zu stellen. Die an diesem Perspektivwechsel partizipierenden exegetischen Arbeiten werden ertragreich im Verlauf der Studie immer wieder eingebunden. Mittels der hermeneutischen Erzähltheorie von Paul Ricœur soll die johanneische Textwelt in bibeldidaktischer Hinsicht erschlossen werden, um das Johannesevangelium »aus seinem religionspädagogischen Stiefkinddasein zu befreien« (S. 3). Ganz im Duktus der von Martina Kumlehn ausgewählten außertheologischen Bezugstheorie von Ricœur wird den Leserinnen und Lesern ihres Werkes der lange Weg der Interpretation zugemutet: von einer historisch-systematischen Interpretation zur Aufnahme des Johannesevangeliums in religionspädagogischen Konzeptionen des 20. Jahrhunderts (S. 8-241) hin zu einer erzähltheoretisch-hermeneutischen Interpretation, die in Auseinandersetzung mit der Erzähltheorie von Paul Ricœur sich der Textwelt des Johannesevangeliums annähert und diese didaktisch fruchtbar macht (S. 242-381). Es ist deshalb die diesem Buch zu Grunde liegende Überzeugung, dass erst über diesen langen Weg der Interpretation ein Erkenntnisfortschritt erreicht werden kann, der die didaktischen Potentiale des Johannesevangeliums wahrnehmbar werden lässt. Der erste historisch-systematische Teil gliedert sich in fünf Einzelstudien, der einen Bogen von der liberalen Religionspädagogik hin zur Symboldidaktik Peter Biehls aufspannt und die wechselvolle Rezeption des Johannesevangeliums in der Religionspädagogik nachzeichnet. Friedrich Niebergalls Rezeption des Johannesevangeliums bildet den Auftakt (S. 8-40). Als Vertreter der liberalen Religionspädagogik wird dieser in seinen zeit- und theologiegeschichtlichen Horizont eingezeichnet, und trotz notwendiger Kritik an seinem Persönlichkeits- und Wertbegriff weiß Kumlehn die Ausführungen Niebergalls zu würdigen, weil ein »dynamisches, wechselseitiges Verhältnis zwischen Tradition und Gegenwart« (S. 21) als didaktischer Grundsatz auch für gegenwärtige religionspädagogische Diskurse von Relevanz ist, die »erneut nach einem adäquaten Verständnis von Religion, Kultur und den Möglichkeitsbedingen subjektorientierter religiöser Bildung« (S. 11f.) fragen. Wenn Kumlehn sodann den Begriff des Lebens als bestimmend in Niebergalls Didaktik herausarbeitet und diesen auch in seinem Umgang mit dem Johannesevangelium wirksam sieht, weil er als Grenzbegriff im Bereich des Selbstverständlichen und Voraussetzungslosen zu verorten ist und bei den Schülerinnen und Schülern »kulturell und individuell vielfältige Assoziationen frei setzt, die mit dem johanneischen Verständnis diskursiv in Verbindung gesetzt werden können« (S. 40), so wird implizit deutlich, dass in der Konzeption der vorliegenden Studie der Beginn mit Niebergall strukturgenetisch mit Bedacht gewählt worden ist, denn die Vorordnung der Frage nach dem Sein wird auch in dem Eingangskapitel zum Denken Rico- 020009 ZNT 23 Inhalt 03.04.2009 16: 19 Uhr Seite 72 Buchreport ZNT 23 (12. Jg. 2009) 73 eurs als grundlegend herausgearbeitet werden. Anhand von Marianne Timms Unterrichtswerk »Lektüre des Johannesevangeliums«, die »in dieser Weise bis heute die einzige religionspädagogisch-monographische Arbeit zum Johannesevangelium« (S. 45) sei, wird die Perspektive der evangelischen Unterweisung erschlossen und in den Denkhorizont der Vertreter der Wort-Gottes- Theologie eingezeichnet (S. 41-81). Umsichtig gelingt es Kumlehn, den offenbarungstheologischen Ansatz Timms hinsichtlich der didaktischen Konsequenzen darzustellen, die zwar vor dem Hintergrund des radikalen Entscheidungspathos zu einer Marginalisierung einer eigenständigen Didaktik und den soziokulturellen Bedingungen der Schülerwirklichkeit führt, aber zugleich mit ihrem Anliegen, »wie die neutestamentlichen Schriften den Schülerinnen und Schüler adäquat so als ›Christuszeugnisse‹ nahe gebracht werden können, dass sie Christus als Subjekt der Verkündigung in diesen Texten wahrnehmen« (S. 63), die notwendige Aufgabe der Textinterpretation in den Fokus didaktischer Überlegungen rückt. Hans Stocks Elementarisierungskonzept wird im Spannungsfeld von hermeneutischem und problemorientiertem Religionsunterricht wahrgenommen (S. 82-131). Kumlehn zeigt auf, wie Stocks Konzentration auf eine interpretative Erschließung des Geistes Jesu und seiner Wirkungen in Vergangenheit und Gegenwart es ihm ermöglicht, zu einer ausdrücklichen Würdigung des didaktischen Potentials johanneischer Texte zu gelangen. Im Gespräch mit der existential-hermeneutischen Tradition zeigt sie den bleibenden Wert des didaktischen Ansatzes von Stock auf: nämlich eine hermeneutische Rückkopplung von (biblischen) Text- und Selbstverständnis vorgenommen zu haben, das auf einen »Ruf ins Leben« (S. 131) zuläuft. Anhand von Ingo Baldermanns Rekonstruktion johanneischer Sprache und ihrer impliziten Didaktik (S. 132-161) rückt das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit in den Mittelpunkt und wird von Kumlehn dahingehend gewürdigt, dass hier die johanneische Sprach- und Denkbewegung in den Fokus didaktischer Überlegungen einbezogen wird, die zu einer engen Kopplung von Text und Leser - respektive Bibel und Schüler - führt. Hinsichtlich der Berücksichtigung der rezipierenden Instanz wirft Kumlehn diesem Ansatz jedoch eine Inkongruenz vor, die im Beharren auf der Objektivität - bzw. im Baldermannschen Sinne: der Subjektivität - des Textes als Sprachmodus seiner impliziten Didaktik liegt. »Erstaunlich bleibt jedoch, dass Baldermann durch die rezeptionsästhetischen Impulse und das beschriebene dynamische Wechselverhältnis von Textvorgabe einerseits und kreativen Aneignungsprozessen andererseits […] nicht dazu geführt wird, das Postulat einer von den Rezeptionsvorgängen unabhängigen, den Texten als solchen inhärenten Didaktik noch einmal kritisch zu bedenken« (S. 147). Die letzte und umfänglichste Studie innerhalb des ersten Teiles erfolgt zu Peter Biehls Symboldidaktik (S. 162-241). Sie hat gewissermaßen eine Scharnierfunktion, denn sie führt vermittelt über die Darstellung des Metaphern- und Symbolverständnisses von Ricœur hin zum zweiten Teil der Arbeit von Kumlehn: der Erzähltheorie des späten Ricœur. In der Konzentration auf die Leistung von symbolischer und metaphorischer Kommunikation wird das Werk von Biehl dahingehend gewürdigt, dass es das hermeneutische Grundanliegen der Vermittlungsproblematik ins Zentrum didaktischer Überlegungen gestellt habe. Die in der Didaktik von Biehl geleistete umfassende Erschließung des Symbolverständnisses von Ricœur für die Religionspädagogik, die in der berühmten Formel »das Symbol gibt zu denken« auf den Punkt gebracht werden kann, sowie die Darlegung seines Metaphernverständnis, das eine Substitutionstheorie hinter sich lässt und statt dessen Metaphern als ein surplus an Bedeutung, die zu einem »Sehen als« und »Sein wie« einladen, versteht, wird von Kumlehn als Ausgangspunkt genommen, um die dort geleistete Ästhetisierung auf die Ebene komplexer Narrationen, wie sie das Evangelium nach Johannes darstellt, hin auszuweiten. In gründlicher und kenntnisreicher Erarbeitung der Erzähltheorie Ricœurs wird das Johannesevangeliums im Gespräch mit gegenwärtigen textzentrierten exegetischen Arbeiten als eines der wichtigsten Symbolbereiche erarbeitet, in denen eine existentielle Sinnbewältigung geleistet werden kann, weil sie ähnlich wie das »Sehen als« bzw. »Sein wie« bei der Metapher durch »das fiktionale ›als ob‹ eben nicht einfach nur einen Bruch zur vorfindlichen Realität« darstellt, sondern »immer auch ein Verbindungsfunktion zur Praxis tatsächlicher Handlungen« (S. 252) erfüllt. Das narrative Inventar des Evangeliums wird als ein Entwurf von Welt dargestellt, der nicht »hinter« dem Text - im Sinne der Autorintention - verborgen ist, sondern sich »vor dem Text« finden lässt. Den Text zu verstehen heißt nicht, die Sache des Textes verstehen, sondern sich selbst vor dem Text verstehen, indem »bisher Selbstverständliches in Bezug auf das eigene Selbstverständnis« hinter sich gelassen wird, um in der Lektürearbeit zu einem »veränderte[n] Selbst- und Weltverhältnis« (S. 276) zu gelangen. Als der positiv von Kumlehn gewürdigte Hauptzug von Ricœurs hermeneutischem Modell des Textverstehens wird nicht nur die Ablehnung der Homologie und die Betonung der Vielfalt und Polysemie von Texten hervorgehoben, sondern auch die von ihm geleistete umfassende Verhältnisbestimmung von Text und Leser, die in gegenseitiger Bezogenheit gründet, denn der Leser kann sich angesichts des spezifischen Entwurfs von Welt- und Gottesbezug vor dem johanneischen Text neu verstehen, »seine eigenen Wahrnehmungsweisen der Wirklichkeit und dessen, was er für möglich hält, kritisch befragen und so im Prozess einer hermeneutisch rückgebundenen Refiguration zu der Einsicht kommen, 020009 ZNT 23 Inhalt 03.04.2009 16: 19 Uhr Seite 73 Buchreport 74 ZNT 23 (12. Jg. 2009) wer Jesus Christus für ihn ›bleibend ist‹« (S. 331). Spätestens hier wird deutlich, dass für die Verfasserin die Einspeisung der Erzähltheorie Ricœurs in den didaktischen Diskurs auch die Möglichkeit darstellt, die positiv gewürdigten Elemente der im ersten Teil der Studie vorgestellten bibeldidaktischen Entwürfe zum Johannesevangelium aufzugreifen und fortzuschreiben. Im Sinne einer offenen Summe skizziert die Verfasserin am Ende unter der Überschrift »das Johannesevangelium als Wahrnehmungsschule« (S. 369-380) die Schnittstellen der didaktischen Konkretion für die gymnasiale Oberstufe, die sich im Zusammenhang mit dem theoretischen Rahmen hinsichtlich der johanneischen Erzählung anbieten. Indem hier eine altersmäßige Begrenzung erfolgt, »weil die rezipientenorientierte, induktive Erschließung dieser hochkomplexen, diffizilen Erzählwelt« (S. 370) ein fortgeschrittenes Differenzierungsvermögen voraussetzt, muss die Verfasserin selbst die einschränkenden Möglichkeiten ihres didaktischen Ansatzes eingestehen. Ob diese allerdings einseitig nur dem Johannesevangelium angelastet werden können oder nicht auch in der gewählten Referenztheorie begründet liegen, sollte zumindest mitbedacht werden. Allerdings eines macht diese lehrreiche und lesenswerte Studie sehr deutlich: Die alte bibeldidaktische Gretchenfrage »Bibel oder Schüler? « kann vor dem Hintergrund der Erzähltheorie Ricœurs jenseits einer diastatischen Verhältnisbestimmung neu und äußerst fruchtbar - auch für die Bibelwissenschaften - in Beziehung gesetzt werden. Es ist die Anmerkung von Walter Benjamin, der sagt, dass es Texte gibt, die erst »nach uns« übersetzt sein werden, die im Gegenüber zu der gewählten Referenztheorie zu einer Rückfrage herausfordert: So überzeugend die hermeneutische Rückkopplung von Text- und Weltverständnis anhand Ricœurs Erzähltheorie dargelegt wird, so ist doch zu bezweifeln, dass dieses ä s th e ti s c h-p h ä n o m e n olo g i s c h e Konzept so einfach mit jedweder Semiotik kongruent ist, wie es Kumlehn vorschwebt, wenn sie von einer »ästhetisch-phänomenologischen und semiotisch ausgerichteten Religions- und Bibeldidaktik« (S. 2) als zu etablierende Zielvorstellung spricht, denn mit dem Peirceschen Gedanken eines finalen Interpretanten - verstanden als die universale Zweckvoraussetzung einer »Wahrheit« von Zeichenprozessen - kann der Hermeneutiker Ricœur nichts anfangen. Kristina Dronsch Otfried Höffe Aristoteles: Die Hauptwerke Ein Lesebuch 2009, XXIV, 536 Seiten, geb. €[D] 19,90/ SFr 35,90 ISBN 978-3-7720-8314-3 Aristoteles beginnt seine Metaphysik mit dem Satz, dass alle Menschen von Natur aus nach Wissen streben. Diese Wissbegier führt bei ihm zu einem geradezu enzyklopädischen Werk, das im Laufe der Jahrhunderte nicht nur Philosophen maßgeblich beeinflusst hat, sondern ebenso Naturforscher und Theologen, Literatur- und Politikwissenschaftler, Juristen, Psychologen und Ökonomen. Das Aristoteles-Lesebuch schließt eine Lücke auf dem deutschen Markt: Es bietet eine sorgfältige Auswahl der zentralen Texte des Aristoteles, die aus den fundiertesten deutschen Übersetzungen der entsprechenden Schriften zusammengestellt wurden. Dadurch erschließt sich dem Leser das umfassende Werk eines des wichtigsten Philosophen der Weltgeschichte. Durch Berücksichtigung auch der kleineren Schriften werden die von Aristoteles behandelten Themen, die von der Logik, von Biologie über Physik, Metaphysik bis hin zur Ethik und Politik reichen, sowohl in ihrem Zusammenhang als auch in ihrer jeweiligen Eigenständigkeit deutlich. Neue Einführung in das Werk des großen Philosophen: A. Francke Verlag · Dischingerweg 5 · 72070 Tübingen · www.francke.de 020009 ZNT 23 Inhalt 03.04.2009 16: 19 Uhr Seite 74