eJournals ZNT – Zeitschrift für Neues Testament 19/38

ZNT – Zeitschrift für Neues Testament
znt
1435-2249
2941-0924
Francke Verlag Tübingen
61
2016
1938 Dronsch Strecker Vogel

Verluste und Gewinne

61
2016
Reimund Bieringer
znt19380044
Zeitschrift für Neues Testament_38 typoscript [AK] - 20.03.2017 - Seite 44 - 3. Korrektur 44 ZNT 38 (19. Jg. 2016) Die Literarkritik des 2. Korintherbriefes ist vielleicht das unlösbarste Problem der historisch-kritischen Forschung des Neuen Testaments. Im Laufe der letzten 250 Jahre wurden für fast alle paulinischen Homologoumena früher oder später Teilungshypothesen verteidigt. Während aber die literarkritischen Diskussionen bei den anderen Paulusbriefen in den letzten 25 Jahren abgeflaut sind, braust der Sturm bezüglich des 2. Korintherbriefes unvermindert weiter. Der Eindruck legt sich nahe, dass es inzwischen bei dieser Diskussion längst nicht mehr um rationale Argumentation geht, sondern um intuitive a priori Festlegungen, die vielmehr das Spiegelbild einer exegetischen Gesamtpersönlichkeit sind als das Ergebnis von mit dem Verstand überprüfbaren Überzeugungsleistungen. Dies wird vor allem auch darin deutlich, dass unter den Spezialisten nur wenige (wenn überhaupt) »Konversionen« vom einen zum anderen »Lager« bekannt sind. Fragen der Authentizität und Integrität von Texten gehören zum Grundbestand historisch-kritischer Forschung. Im 2Kor wird von einer Minderheit höchstens die Authentizität von 6,14-7,1 in Frage gestellt. Die Diskussion um Teilungshypothesen gehört zum Bereich der Integrität. Alle Forscher eint also die Überzeugung, dass die zur Diskussion stehenden Texte von Paulus selber verfasst sind. Worin sie sich unterscheiden, ist die Frage, in welche präzise historische Situation die Texte, die wir als den kanonischen 2Kor kennen, ursprünglich sprachen. Da historische Kritik ganz wesentlich dadurch gekennzeichnet wird, dass sie Texte in ihrem ursprünglichen historischen Kontext interpretiert, gehört auch und gerade die Frage nach der konkreten Situation, die ein Text voraussetzt, zu ihren wichtigsten Aufgaben. Für Exegeten, die den kanonischen 2Kor als eine sekundäre Kompilation verstehen, stehen je nach Hypothese größere oder kleinere Teile des kanonischen 2Kor nicht in ihrem ursprünglichen Kontext. Die Auslegung muss sie zuerst ihrem (rekonstruierten) ursprünglichen Kontext zuordnen. Die Fronten zwischen Vertretern der Einheitlichkeit und der Uneinheitlichkeit waren von Anfang an verhärtet. Dies hing vor allem damit zusammen, dass die Annahme der Einheitlichkeit der vorkritischen Zeit zugerechnet wurde und dass die Spaltung der Lager in Vertreter der Hypothese der Einheitlichkeit und der Teilungshypothesen anfänglich ausschließlich eine Frage der Glaubensüberzeugung war. Liberale Theologen traten für Teilungshypothesen ein, während konservative sich für die Einheitlichkeit aussprachen. Hinzu kam, dass Teilungshypothesen parallel zu neuen Thesen der Vorgeschichte des 2Kor entwickelt wurden, die implizierten, dass 2Kor fast völlig unabhängig von 1Kor interpretiert wurde. Während die Vertreter der Teilungshypothesen einen Zwischenbesuch und einen Zwischenbrief postulierten, hielten die Vertreter der Einheitlichkeit lange an der vorkritischen Position fest, dass sich 2Kor 2,1 auf den Gründungsbesuch bezieht und der Tränenbrief in 2,4 der 1Kor ist. Außerdem lasen die Ausleger, die 2Kor weiterhin als Einheit verstanden, den Brief wie alle anderen Paulusbriefe viel mehr als Quelle seiner Theologie und als Zeugen göttlicher Offenbarung denn als historisch situierten Gelegenheitstext. Situationsbedingte Spannungen konnten erst entdeckt oder postuliert werden, sobald man den Text in seiner Entstehungssituation zu lesen begann. Heute sind die meisten dieser Fronten aufgeweicht. Auch die Vertreter der Einheitlichkeit versuchen 2Kor als historisches Dokument, das zu einer geschichtlichen Situation gehört, zu interpretieren. Die Position der Einheitlichkeit wird heute außerdem ganz selbstverständlich mit der Rekonstruktion der Vorgeschichte des 2Kor verbunden, wobei der gesamte 2Kor als der letzte uns bekannte Brief der Korrespondenz angesehen wird und der Tränenbrief als verloren gilt. Die Textgliederung verläuft bei den Vertretern der Einheitlichkeit heute oft weitgehend entlang derselben Verse wie die Briefteilung bei den Vertretern der Uneinheitlichkeit (1,1-2,13/ / 2,14-7,4/ / 7,5-16/ / 8,1-24/ / 9,1-15/ / 10,1- 13,10/ / 13,11-13). Die stereotypen Annahmen, dass liberalen Forschern nur die Option der Teilungshypothesen offenstehe, während ausschließlich konservative Exegeten sich für die Einheitlichkeit entschieden, gehört weitgehend der Vergangenheit an. Diese Annäherungen sind sicher wichtig und zeugen von der gegenseitigen Bereicherung der unter- Reimund Bieringer Verluste und Gewinne Hermeneutische Überlegungen zu denTeilungshypothesen zum 2. Korintherbrief Kontroverse Zeitschrift für Neues Testament_38 typoscript [AK] - 20.03.2017 - Seite 45 - 3. Korrektur ZNT 38 (19. Jg. 2016) 45 Reimund Bieringer Verluste und Gewinne auf eine Reihe wichtiger Aspekte in der Interpretation der uns als kanonischer 2Kor bekannten Texte verzichten müssen. Wir werden diese im Folgenden im Detail besprechen. Der grundlegende Verlust, der mit allen Teilungshypothesen einhergeht, scheint mir das Aufgeben der Integrität eines Textes zu sein, der über 1700 Jahre hinweg trotz anerkannter Spannungen als einheitlicher Text interpretiert wurde. Vor Johann Salomo Semler (1776) stand die literarische Einheitlichkeit des kanonischen 2Kor nicht zur Diskussion. Zugegebenermaßen ist dies wahrscheinlich hauptsächlich der Tatsache zuzuschreiben, dass man 2Kor in der Zeit vor Semler nicht aus historisch-kritischer Perspektive gelesen hat und dadurch den historisch situativen Fragen keine Aufmerksamkeit schenkte. Dies bedeutete, dass bestimmte Widersprüche und chronologische Ungereimtheiten nicht auffielen. Ein zweiter Aspekt ist der Verlust der Kohärenz der Interpretationsgemeinschaft. Infolge der Infragestellung der Integrität des 2Kor entstanden zwei »Lager«, das der Vertreter der Kompilationshypothesen und das der Vertreter der Einheitlichkeit. Das erste Lager ist verteilt in mehrere Untergruppen von miteinander inkompatiblen Positionen. Die wichtigste Trennungslinie zwischen den Untergruppen verläuft zwischen denjenigen, die 2Kor 10,1-13,10 als den Tränenbrief (oder zumindest als ein Fragment desselben) ansehen (unter den »klassischen« vier Hypothesen: Hausrath-Kennedy; Weiß- Bultmann; Schmithals-Bornkamm), und denjenigen, die diese Identifikation ablehnen (Semler-Windisch). Dabei ging/ geht es vor allem um die Frage, ob die beiden sogenannten Apologien (2,14-7,4 und 10,1-13,10) ursprünglich zum selben Brief, nämlich dem Tränenbrief (Weiß-Bultmann) gehörten oder zu zwei verschiedenen. In letzterem Fall werden entweder beide Konfliktsituationen zugerechnet (Schmithals-Bornkamm), oder 2,14- 7,4 wird zum sogenannten Versöhnungsbrief und 10,1- 13,10 zum Tränenbrief gerechnet (Hausrath-Kennedy). Zu diesen klassischen Hypothesen sind in jüngster Zeit noch eine Reihe neuerer Vorschläge hinzugekommen. Diejenigen, die für eine Kompilationshypothese eintreten, müssen eine schlüssige Erklärung dafür finden, warum es im Lager der Gegner der Einheitlichkeit so viele einander widersprechende Positionen gibt, und sie müssen für sich entscheiden, ob sie diese Vielfalt als Argument gegen Kompilationshypothesen gelten lassen. Die Tatsache, dass bei genauerem Hinschauen auch die Vertreter der Einheitlichkeit für sehr unterschiedliche schiedlichen Positionen. Dennoch bleibt ein breiter Graben zwischen den beiden Grundsatzpositionen, und das Gespräch sowie das gegenseitige Verständnis bleibt schwierig. Deshalb erscheint es hilfreich, dass sich Vertreter der jeweils anderen Position in die Sichtweise ihrer Gegenüber zu versetzen suchen. Als langjähriger Vertreter einer Hypothese der Einheitlichkeit versuche ich daher im Folgenden, die hermeneutischen Konsequenzen der Teilungshypothesen zu verstehen. Ich tue dies, indem ich mir die Frage stelle, was der hermeneutische Verlust bzw. Gewinn der Annahme von Teilungshypothesen ist. Das Ziel dieser Übung besteht darin, dass ich zu einem tieferen Verständnis des Denkens im anderen »Lager« komme und gewissermaßen im Spiegel meine eigene Position besser zu verstehen lerne. 1. Hermeneutische Konsequenzen der Kompilationshypothesen: Verluste Die Entscheidung für bestimmte Hypothesen wird in der Forschung zumeist von Strategien der Gewinnmaximierung und Verlustvermeidung geleitet. Die Forscher sind sich dabei der Tatsache bewusst, dass keine Hypothese nur Gewinn und keinen Verlust für sich beanspruchen kann. Jede Option für eine Hypothese führt zwangsläufig zu gewissen, allerdings sehr unterschiedlichen Verlusten, von denen ein Teil bewusst mit in Kauf genommen wird. Wer sich für eine Teilungshypothese entscheidet, wird dadurch zweifellos implizit Prof. Dr. Reimund Bieringer (*1957) ist Professor für neutestamentliche Exegese an der theologischen Fakultät der Katholischen Universität Löwen (Leuven), Belgien. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören: Exegese und Theologie des 2. Korintherbriefes, Exegese des Johannesevangeliums, biblische Hermeneutik und hellenistisches Griechisch. Prof. Dr. Reimund Bieringer »[Es] erscheint [...] hilfreich, dass sich Vertreter der jeweils anderen Position in die Sichtweise ihrer Gegenüber zu versetzen suchen.« Zeitschrift für Neues Testament_38 typoscript [AK] - 20.03.2017 - Seite 46 - 3. Korrektur 46 ZNT 38 (19. Jg. 2016) Kontroverse Typen von Positionen (»die Einheit der Abfassung, nicht des Inhalts« und »die Einheit von Abfassung und Inhalt«) eintreten, ist dabei wohl nur ein schwacher Trost. Drittens kann es als ein Verlust angesehen werden, dass Vertreter von Kompilationshypothesen die Regel, dass in einer Hypothese nur eine Unbekannte vorkommen soll, über Bord werfen müssen. Denn ihre Position ruht nicht nur auf der hypothetischen Annahme, dass der kanonische 2Kor ungeachtet seiner durchgehenden textkritischen Bezeugung als einheitlicher Brief aus ursprünglich als selbstständige Briefe verfassten Teilen besteht, sondern auch, dass er von einem Redaktor kompiliert wurde. Außer der Semler-Windisch-Hypothese beruhen alle »klassischen« Kompilationshypothesen außerdem auf der hypothetischen Annahme von Zwischenbesuch und -brief (Tränenbrief ). Wenn wir bereit sind, die Voraussetzung der Einheitlichkeit als Hypothese zu verstehen, dann besteht die Möglichkeit, die Hypothese von Zwischenbesuch und -brief zu verwerfen oder, wie bei der Mehrheit der neueren Vertreter der Einheitlichkeit, diese Hypothese als zweite Unbekannte in die eigene Position aufzunehmen. In letzterem Fall unterscheidet sich die Einheitlichkeitshypothese nicht entscheidend von der Mehrheitsposition der Kompilationshypothesen, wenn auch im Allgemeinen die Menge hypothetischer Elemente bei der Annahme der Einheitlichkeit geringer ausfällt. Ein vierter Verlust, mit dem Kompilationshypothesen zu rechnen haben, besteht darin, dass fast alle zur Erklärung der seit der frühesten Bezeugung um das Jahr 200 bekannten kanonisch gewordenen Form des 2Kor in 13 Kapiteln mit der Hypothese eines Redaktors arbeiten (müssen), eines Redaktors, von dem man dann annehmen muss, dass er einen Text als kohärent präsentiert, den der Autor selbst nie als kohärent empfunden hätte. Es wird also notwendig zu erklären, wieso der Redaktor in seiner sekundären Komposition nicht gesehen hat, dass 2,14-7,4 nicht zwischen 2,12-13 und 7,5-16 passt und dass 10,1-13,10 mit seinem harschen Ton alles das, was Paulus in 1,1-9,15 mühsam aufgebaut hat, wieder zerstören würde. Offensichtlich hatte ein späterer Redaktor kein Interesse an der ursprünglichen Briefsituation und wird daher auch Widersprüche situativer Art kaum wahrgenommen haben. Dennoch bleibt die Frage, welchen situationsüberschreitenden Wert der Redaktor in diesen Texten gesehen haben mag und warum er die Texte der ehemals selbstständigen Briefe gerade in dieser Zusammenstellung präsentiert hat. Schließlich ist es ein fünfter Verlust der Kompilationshypothesen, dass sie für die Rekonstruktion der Briefsituationen postulierter Briefe der korinthischen Korrespondenz dieselben Briefe benutzen müssen (weil es keine anderen Quellen gibt), die sie diesen rekonstruierten Briefsituationen zuordnen wollen, und somit kaum einem hermeneutischen Zirkel entkommen können. Dieses Argument kann allerdings kaum von entscheidender Art sein, da sich jegliche historisch-kritische Exegese mit diesem hermeneutischen Problem konfrontiert sieht. Auch die historisch-kritische Exegese, die mit der Annahme der Einheitlichkeit des 2Kor arbeitet und die Aussagen des Briefes im Licht einer bestimmten Briefsituation, nämlich dem Moment der Rückkehr des Titus zu Paulus mit guten Nachrichten aus Korinth, interpretiert, steht vor dieser hermeneutischen Herausforderung (wenn auch in geringerem Umfang). In diesem ersten Abschnitt diskutierten wir die Verluste, gewissermaßen die Opfer, die Vertreter der Kompilationshypothesen bringen müssen, um ihre Position aufrechtzuerhalten. Wie wir gesehen haben, unterscheiden sie sich dabei nicht in allen Fällen entscheidend von den Vertretern der Einheitlichkeit. Insgesamt erscheinen uns allerdings die Verluste bzw. Opfer der Kompilationshypothesen größer als die der Annahme der Einheitlichkeit. Auf diesem Hintergrund wenden wir uns jetzt den Gewinnen, die mit den Kompilationshypothesen einhergehen, zu. 2. Hermeneutische Konsequenzen der Kompilationshypothesen: Gewinne Kompilationshypothesen zum 2Kor erfreuen sich großer Popularität unter den Exegeten. Auch ihre Gegner können nicht umhin zuzugeben, dass viele ihrer Behauptungen einer gewissen Plausibilität nicht entbehren. In diesem zweiten Abschnitt gehen wir der Frage nach, worin aus der Sicht eines Vertreters der Einheitlichkeit die (hermeneutischen) Gewinne der Kompilationshypothesen bestehen. Der erste Gewinn besteht nach unserer Überzeugung im kompromisslosen Ernstnehmen des historischen Kontexts bzw. der historischen Situation und somit auch des brieflichen Charakters der Texte, was dazu führt, dass Widersprüche und Inkohärenzen entdeckt werden (Es sollte allerdings nicht vergessen werden, dass die Bestreitung der Einheitlichkeit in vielen Kommen- »Insgesamt erscheinen uns […] die Verluste bzw. Opfer der Kompilationshypothesen größer als die der Annahme der Einheitlichkeit.« Zeitschrift für Neues Testament_38 typoscript [AK] - 20.03.2017 - Seite 47 - 3. Korrektur ZNT 38 (19. Jg. 2016) 47 Reimund Bieringer Verluste und Gewinne taren nur in der Einleitung stattfindet, während in der eigentlichen Kommentierung die Situationsbezogenheit der Texte oft in den Hintergrund rückt). Allerdings ist dies kein Alleinstellungsmerkmal. Auch unter der Voraussetzung der Einheitlichkeit ist es möglich (wenn auch nicht nötig), die historische Situation des Textes völlig ernst zu nehmen. Ein zweiter Gewinn kann darin bestehen, dass die Forscher ihre Annahmen hinsichtlich der Kompositions- und Überlieferungsprozesse antiker Texte bestätigt sehen, wenn sie davon ausgehen, dass 2Kor das Ergebnis sekundärer Kompilation ist. Drittens liegt ein Gewinn der Kompilationshypothesen auch darin, dass sie dazu anregen, das Verhältnis zwischen 1Kor und 2Kor näher zu bestimmen. In vorkritischer Zeit gehörten die beiden Korintherbriefe eng zusammen. Der Besuch unter Tränen war der Gründungsbesuch und der Tränenbrief war 1Kor. Das zentrale Problem, das zu der im 2Kor erkennbaren Krise zwischen Paulus und den Korinthern führte, wurde aus 1Kor 5,1-5 rekonstruiert. Durch die Hypothese von Zwischenbesuch, Zwischenfall und Zwischenbrief, die also alle zu einer neuen, durch die neu angekommenen externen Missionare verursachten und vom 1Kor unabhängigen Situation gehören, wurde der 2Kor oder vielmehr wurden die im kanonischen 2Kor gesammelten Briefe vom 1Kor abgekoppelt und so zu einer selbstständigen Korrespondenz. Eine Ausnahme bildet hierbei nur 2Kor 6,14-7,1, ein Text, der häufiger zum 1Kor oder sogar zu dem 1Kor vorausgehenden ersten Brief der gesamten Korrespondenz gerechnet wird. (Zu erwähnen wären auch noch die Positionen, die sowohl 1Kor als auch 2Kor als Kompilationen verstehen und bei ihrer Rekonstruktion der ursprünglichen Briefe Mischungen aus Teilen von 1Kor und 2Kor postulieren). Dieser »Gewinn« relativiert sich jedoch dadurch, dass die Selbstständigkeit von 2Kor bzw. der in ihm gesammelten Korrespondenz weniger eine Konsequenz der Kompilationshypothesen ist als vielmehr der Hypothese von den Zwischenereignissen. Auch bei den Vertretern der Einheitlichkeit, die inzwischen fast ausnahmslos die Hypothese von den Zwischenereignissen akzeptieren, kommt 2Kor zu seinem vollen Recht als selbstständiger Brief. Der vierte Gewinn ist ein Zuwachs an historischer Tiefenschärfe bzw. Profil. Die Exegeten der Paulusbriefe und insbesondere auch der Korintherbriefe sehen sich immer konfrontiert mit einem chronischen Mangel an historischen Informationen und Dokumenten. Mit Hilfe der Archäologie weitere Quellen zu erschließen, erscheint aussichtslos. Da ist es willkommen, wenn man auf literarkritischem Weg eine bisher unbekannte Quelle wie den Tränenbrief erschließen kann. Vor allem in ihrer maximalen Ausformung in der Schmithals-Bornkamm Hypothese wird es möglich, neue historische Einsichten über einen Zeitraum von mehreren Monaten zu gewinnen. Während in der Hypothese der Einheitlichkeit der 2Kor lediglich eine Momentaufnahme ist, liefern die in der Schmithals-Bornkamm Hypothese rekonstruierten und chronologisch über einen Zeitraum von sechs bis acht Monaten sich erstreckenden fünf oder mehr Briefe neue Einsichten in die historische Situation, wenn sie also als Zeugnisse verschiedener Briefsituationen interpretiert werden. Einige neuere Autoren haben hiermit auch das Entstehen der paulinischen bzw. frühchristlichen Hermeneutik verbunden. Schließlich implizieren fünftens die Kompilationshypothesen auch einen Gewinn für das Paulusbild. Es geht vielleicht nicht zu weit, wenn man suggeriert, dass die tiefste Motivation aller Kompilationshypothesen darin besteht, Paulus als Autor bzw. Mensch/ Theologen zu retten im Lichte der Probleme, die sich aus 2Kor 10,1-13,10 ergeben. Vor allem in ihrer am weitesten entwickelten Form erlauben es uns die Kompilationshypothesen, Paulus als vollkommen logisch kohärenten Autor zu verstehen. Vor allem inhaltlich erscheint der in vieler Hinsicht problematische Text 2Kor 10,1-13,10 akzeptabler als Tränenbrief bzw. als Antwort später wieder aufflammender Konflikte denn als Teil des Versöhnungsbriefes. Hinzu kommt, dass die korinthische Korrespondenz in allen Kompilationshypothesen außer der Semler-Windisch Hypothese mit einem »happy end«, mit der Versöhnung zwischen Paulus und den Korinthern abschließt. So erscheint Paulus in den meisten Kompilationshypothesen nicht nur als kompetenter Autor, der seine Briefe ohne Brüche verfasst hat und als verlässlicher, psychologisch stabiler Kommunikator, sondern auch als erfolgreicher Konfliktlöser. Die Kompilationshypothesen führen also (nicht zuletzt auch durch die Ausscheidung von 2Kor 6,14-7,1) zu einem viel attraktiveren Paulusbild. Zu guter Letzt setzen die Kompilationshypothesen auch eine bestimmte Rekonstruktion des Konflikts in Korinth sowie die Annahme eines bestimmten Versöhnungsbegriffs voraus. Sie gehen von einem eindimensionalen Konflikt zwischen Paulus und den Korinthern »Vor allem in ihrer am weitesten entwickelten Form erlauben es uns die Kompilationshypothesen, Paulus als vollkommen logisch kohärenten Autor zu verstehen.« Zeitschrift für Neues Testament_38 typoscript [AK] - 20.03.2017 - Seite 48 - 3. Korrektur 48 ZNT 38 (19. Jg. 2016) Kontroverse aus, der von den externen Missionaren initiiert und von einem Übeltäter aus den Reihen der Gemeinde mit deren Unterstützung ausgetragen wurde. Der hier vorausgesetzte Versöhnungsbegriff ist statischer Art und geht davon aus, dass, so wie Konflikte plötzlich ausbrechen (z. B. das Verhalten des Übeltäters während des Zwischenbesuchs), auch Versöhnung augenblicklich zustande kommt (etwa als Folge des Tränenbriefes durch die Vermittlung des Titus in Korinth). 3. Schlussbemerkung In diesem kurzen Beitrag habe ich versucht, mich in das Denken der Vertreter der Kompilationshypothesen zu versetzen. Ich habe mich bemüht, die Vor- und Nachteile, die Gewinne und Verluste, die mit den Kompilationshypothesen einhergehen, darzustellen. Ich habe eine Anstrengung unternommen, möglichst neutral an die Frage heranzugehen. Am Ende ist mir allerdings bewusst, dass die Darstellung der Verluste und Gewinne dennoch unvermeidlich aus meiner von der Einheitlichkeit überzeugten Perspektive geschah. Dennoch hoffe ich, dass die oben entwickelten Punkte zu einem vertieften Dialog der verschiedenen Lager beitragen können.