ZNT – Zeitschrift für Neues Testament
znt
1435-2249
2941-0924
Francke Verlag Tübingen
121
2017
2039-40
Dronsch Strecker VogelDie Schrift und die hellen Gründe der textkritischen Vernunft
121
2017
Matthias Klinghardt
znt2039-400087
Zeitschrift für Neues Testament Heft 39 / 40 20. Jahrgang (2017) Die Schrift und die hellen Gründe der textkritischen Vernunft Zur Textgeschichte der neutestamentlichen Handschriftenüberlieferung Matthias Klinghardt Als Luther 1521 vor Kaiser und Reich stand, da machte er den von ihm geforderten Widerruf davon abhängig, dass er „durch gezeugnuss der schrift oder aber durch scheinlich ursachen“ widerlegt würde� 1 Mit dieser Formel hatte er nicht nur seine Gewissensbindung plausibilisiert, 2 sondern auch ein zentrales wissenschaftstheoretisches Paradigma von bleibender Bedeutung auf den hermeneutischen Begriff gebracht: Dass neben der Schrift auch die hellen Gründe der Vernunft bestimmend sind, 3 hat das lutherische Schriftprinzip wissenschaftstauglich und zukunftsfähig gemacht, zugleich die Disziplin(en) der biblischen 1 DRTA�JR (= A� Wrede, Deutsche Reichstagsakten Jüngere Reihe: Deutsche Reichstagsakten unter Kaiser Karl V�) II, Gotha 1896, Nr� 80, 581,23 f� Zum Hintergrund der Verhandlung vgl� R� Wohlfeil, Der Wormser Reichstag von 1521, in: F� Reuter (Hg�), Der Reichstag zu Worms von 1521� Reichspolitik und Luthersache, Köln/ Wien 2 1981, 59-154, bes. 112 ff. Die lateinische Fassung lautet: … nisi convictus fuero testimoniis scripturarum aut ratione evidenti (ebd. Nr. 79, 555,17f = WA 7, 838,3f). Seit dem 19. Jh. wird ratio evidens immer wieder durch „helle Gründe“ bzw� durch „helle Gründe der Vernunft“ wiedergegeben� 2 Zu Luthers gut vorbereiteter Erklärung vgl� K�-V� Selge, Capta conscientia in verbis Dei, Luthers Widerrufsverweigerung in Worms, in: F� Reuter (Hg�), Der Reichstag zu Worms von 1521, Köln/ Wien 2 1981, 180-207. 3 Als der Brandenburger Kurfürst Joachim I� sich in einer Nachverhandlung vergewisserte, ob Luther wirklich nur widerrufen würde, wenn er aus der Schrift widerlegt würde, da ergänzte dieser: „Gnedigister Herr, ja, oder durch helle Ursach“ (DRTA�JR 2, 606; WA 7, 849): Die Formel war wohl durchdacht� 88 Matthias Klinghardt Exegese dauerhaft in der Theologie etabliert� Von Anfang an steht die ratio evidens neben der scriptura - und definiert diese� Denn dass die Schrift nur in Abhängigkeit von (theologischen oder wissenschaftlichen) Einsichten zu haben ist, so dass eine Veränderung der Rationalität auch eine Veränderung der Schrift nach sich zieht, war Luther vollständig bewusst� Er hat seine Eingriffe in den Textbestand offensiv vertreten und die scheinlich ursachen dafür auch klar benannt: Im „Sendbrief vom Dolmetschen“ lieferte er eine bemerkenswerte übersetzungswissenschaftliche Rechtfertigung für seine (präzisierenden) Zusätze zum Bibeltext, 4 in den Vorreden zur Bibel begründete er die veränderte Anordnung der neutestamentlichen Schriften im Septembertestament� 5 Konsequent hat Luther das gezeugnuss der schrift der scheinlich ursachen seiner theologischen Erkenntnis unterworfen� Genau gegen diese dynamische Verhältnisbestimmung von Schrift und Vernunft richten sich die auf dem Tridentinum beschlossenen Sicherungsmaßnahmen, die (zum ersten Mal in der Geschichte des Christentums! ) Umfang und Textgestalt der Schrift verbindlich festschreiben� 6 I. Textkritik: Woher kommen die Varianten? Seit dem 18� Jh� sind die theologischen Einsichten zur Bibel historisch grundiert� Die hellen Gründe der historischen Kritik haben jedoch nicht nur das Verständnis der Schrift und ihre Interpretation verändert, sondern auch ihre textliche Gestalt: Was genau der Text der Schrift ist, ist fraglich� Von den rund 5800 griechischen Handschriften des Neuen Testaments bieten vermutlich nicht zwei denselben Text, und die Schätzungen über die Anzahl der Varianten gehen in die Hunderttausende - auch wenn niemand sie gezählt hat und noch nicht einmal Einigkeit darüber besteht, welche Abweichungen denn sinnvollerweise 4 M� Luther, Sendbrief vom Dolmetschen (1530), WA 30, 635f (zu Rm 3,28): „Also habe ich hie Roma� 3� fast wol gewist, das ym Lateinischen und krigischen text das wort solum nicht stehet, und hetten mich solchs die papisten nicht dürffen leren� War ists� Dise vier buchstaben s o l a stehen nicht drinnen, welche buchstaben die Eselsköpff ansehen, wie die kue ein new thor, Sehen aber nicht, das gleichwol die meinung des text ynn sich hat, und wo mans wil klar und gewaltiglich verteutschen, so gehoret es hinein, denn ich habe deutsch, nicht lateinisch noch kriegisch reden wöllen�“ 5 H� Bornkamm (Hg�), Luthers Vorreden zur Bibel, Göttingen 3 1989, 214 f� Luther nennt den „harten Knoten“ der Ablehnung der zweiten Buße im Hebr und moniert, dass Jak „stracks wider S� Paulum und alle andre Schrift den Werken die Rechtfertigung“ gebe� 6 Vgl� Sessio IV, Decretum de libris sacris et de traditionibus recipiendis (8� April 1546, DH 1501ff). Charakteristisch ist der Beschluss, es solle niemand wagen, „gestützt auf die eigene Einsicht ( suae prudentiae innixus ) … die Heilige Schrift auf die eigenen Ansichten hin zu verdrehen ( sacram Scripturam ad suos sensus contorquens )“, um sie dann entsprechend auszulegen (DH 1507)� Die Schrift und die hellen Gründe der textkritischen Vernunft 89 als Varianten gelten können� 7 Seit dem Anfang des 18� Jh� versucht die Textkritik, Struktur in diesen Wust zu bringen� Von bleibendem Wert sind die Pionierleistungen des 19� und 20� Jh�, teils wegen der Berücksichtigung wichtiger Handschriftenfunde (Tischendorf; Nestle-Aland), teils wegen der methodischen Weiterentwicklungen (Lachmann; Westcott / Hort; von Soden usw�)� Allerdings ist schon lange erkannt, daß die grundlegenden Ziele aller Textkritik, nämlich die Stemmatisierung der Handschriften und die Identifizierung eines Archetyps, wegen der übermäßigen Komplexität der Bezeugung gar nicht erreichbar sind� Möglich ist nur die Annäherung an einen Ursprungstext, aus dem dann die Varianten entstanden sind� Aber im Unterschied zu der Zuversicht, mit der die ältere textkritische Forschung den „Originaltext“ oder den sogenannten „Urtext“ anstrebte, 8 ist die gegenwärtige textkritische Forschung deutlich vorsichtiger geworden� Sie versucht nicht mehr, den „Urtext“ zu rekonstruieren (um etwa den dokumentarischen Fassungen der Paulusbriefe oder den Autographen der Evangelien zumindest möglichst nahe zu kommen), sondern bemüht sich um eine Textgestalt, die als „Ausgangstext“ ( initial text ) bezeichnet wird� 9 Da- 7 Vgl� P� J� Gurry, The Number of Variants in the Greek New Testament: A Proposed Estimate, NTS 62 (2016), 97-121, der selbst 500 000 Varianten schätzt. 8 B� F� Westcott / F� J� A� Hort, The New Testament in the Original Greek I / II, New York 1881, vertraten diesen Anspruch schon im Titel ihrer Ausgabe� Vgl� weiter K� Lake, The Text of the New Testament, New York 5 1916, 1� Siehe auch B� M� Metzger, A Textual Commentary on the Greek New Testament, Stuttgart 2 1994, insb� xiii; K� Aland / B� Aland, Der Text des Neuen Testaments� Einführung in die wissenschaftlichen Ausgaben sowie in Theorie und Praxis der modernen Textkritik, Stuttgart 2 1989, v� a� 284� Zum Problem des heterogenen Begriffsgebrauchs in der textkritischen Forschung: E� J� Epp, The Multivalence of the Term „Original Text“ in the New Testament Textual Criticism, in: ders�, Perspectives on New Testament Textual Criticism. Collected Essays, 1962-2004 (NT�S 116), Leiden / Boston 2005, 551-593. 9 Diese Einsicht hat sich allerdings noch kaum in der einführenden Studienliteratur niedergeschlagen, die in der Regel die Annäherung an den „ursprünglichen Text“/ „Urtext“ als Prof. Dr. Matthias Klinghardt ist Professor für Biblische Theologie an der TU Dresden� Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören u� a� die Entstehung des Neuen Testaments als Sammlung, die Überlieferungsgeschichte der Evangelien und die frühe Geschichte der neutestamentlichen Textüberlieferung� 90 Matthias Klinghardt mit ist der älteste erreichbare Text gemeint, der am Anfang der Handschriftenüberlieferung steht� Der eklektisch rekonstruierte Text der kritischen Ausgaben zielt also auf die größtmögliche Annäherung an diesen Archetyp der Überlieferung� 10 Daher sehen alle gängigen textkritischen Modelle prinzipiell nur eine duale Leitunterscheidung „primär / sekundär“ vor� 11 Es spielt dabei keine Rolle, ob diese Unterscheidung im methodischen Rahmen der „Lokal-genealogischen Methode“ 12 getroffen wird, oder ob die älteste Fassung durch die elaboriertere „Kohärenz-basierte genealogische Methode“ ( CBGM ) 13 ermittelt wird: Das Ziel ist für jede einzelne Variante die Feststellung des ältesten erreichbaren Texts, dem gegenüber alle „Varianten“ sekundär sind� Die Hauptfrage, die sich daraus ergibt, lautet: Lässt sich zeigen, wie die Varianten aus diesem Ausgangstext entstanden sind? Diese Frage ist unerheblich für orthographische Anpassungen sowie für die große Zahl der Varianten, die auf offensichtliche oder auch nur denkbare Kopistenversehen zurückgehen ( aberratio oculi , Haplographie, Dittographie usw�)� Lässt man außerdem die geringfügigen und semantisch sich kaum oder gar nicht auswirkenden Varianten außer Betracht, die sich bei großzügiger Handhabung als „stilistische Veränderungen“ verstehen lassen, dann bleibt eine immer noch erhebliche Gruppe Ziel der Textkritik angibt, vgl� beispielsweise M� Ebner / B� Heininger, Exegese des Neuen Testaments� Ein Arbeitsbuch für Lehre und Praxis, Wien 2 2007, 25-29; U. Schnelle, Einführung in die neutestamentliche Exegese, Göttingen 7 2008, 34 f�; W� Egger / P� Wick, Methodenlehre zum Neuen Testament� Biblische Texte selbständig auslegen, Freiburg 6 2011, 68-70. 10 Vgl� mit den entsprechenden Verweisen auf das Projekt der Editio Critica Maior M� W� Holmes, From „Original Text“ to „Initial Text“� The Traditional Goal of New Testament Textual Criticism in Contemporary Discussion, in: B� D� Ehrman / M� W� Holmes (ed�), The Text of the New Testament in Contemporary Research� Essays on the Status Quaestionis (NTTSD 42), Leiden 2 2013, 619-666 (bes. 652 f.; 660). 11 Auf den prinzipiell binären Charakter der bisherigen textkritischen Paradigmen weist auch E� J� Epp, It’s All about Variants: A Variant-Conscious Approach to New Testament Textual Criticism, HThR 100 (2007), 275-308, hin. Sein eigenes Modell einer Erklärung der Varianten vor dem Hintergrund eines „earliest attainable text“ löst diese Binarität allerdings nicht prinzipiell auf� 12 Zur Bezeichnung vgl� K� Aland, The Twentieth-Century Interlude in New Testament Textual Criticism, in: R� McL� Wilson (ed�), Text and Interpretation: Studies in the New Testament Presented to Matthew Black, Cambridge 1979, 1-15, zum Verfahren außerdem die Nummern sechs und acht der „Zwölf Grundregeln für die textkritische Arbeit“, K� Aland / B� Aland, a� a� O� (o� Anm� 8), 284 f� 13 Zur CBGM vgl� K� Wachtel, The Coherence-Based Genealogical Method: A New Way to Reconstruct the Text of the Greek New Testament, in: J� S� Kloppenborg / J� H� Newman (ed.), Editing the Bible. Assessing the Task Past and Present, Atlanta 2012, 123-138, sowie die knappe Einführung von Gerd Mink unter https: / / www�uni-muenster�de/ INTF/ Genea logical_method�html (Zugriff: 1� März 2017)� Die Schrift und die hellen Gründe der textkritischen Vernunft 91 von Varianten übrig, die sich nur als intentionale, redaktionelle Veränderungen begreifen lassen� Wie sind diese redaktionellen Varianten entstanden? Erstaunlicherweise hat die neutestamentliche Textkritik auf diese Frage keine systematische Antwort entwickelt� Genau genommen lassen sich nur zwei verschiedene Antworttypen unterscheiden� Der erste versteht die Variantenbildung als ungeordneten und unkontrollierten Prozess, der nicht zufällig mit der Wachstumsmetaphorik eines emergenten Organismus bezeichnet wird: Die Varianten sind „Wucherung“ und Verwilderung� Allerdings muss die Devianz gegenüber dem Ausgangstext nicht notwendigerweise negativ konnotiert sein� David Parker beispielsweise versteht die ungezählten Varianten in der reichen und verzweigten Handschriftenüberlieferung als unterschiedliche Ausdrucksformen eines andauernden Überlieferungsstromes eigenen Wertes� So tritt das permanent sich verändernde Traditions-Flow an die Stelle der fixierten Textgestalt des einen, legitimen Ausgangstextes: Gerade in der Unabgeschlossenheit der Veränderungen zeige sich der „lebendige Text“� 14 Aber unabhängig davon, ob man die Varianten eher als Wucherung eines Geschwürs oder als gesunde Lebendigkeit versteht: gemeinsam ist diesem Wachstumsmodell, dass sich Zeiten, Orte, Umstände und Verantwortliche für die Variantenbildung gerade nicht ausmachen lassen� Die Annahme von Wachstum jeder Art verzichtet auf ein kritisch überprüfbares Modell der Textgeschichte� Eine zweite Antwort hat Bart Ehrman gegeben: Im Unterschied zur Emergenz des ersten Modells versteht er die (besser: einen Teil der) redaktionellen Varianten als Ergebnis einer sekundären Anpassung der Schriftgrundlage an veränderte theologische Erfordernisse� 15 An manchen Stellen ist das leicht nachvollziehbar und überzeugend� So fehlen etwa die beiden Verse, die in der Passionsgeschichte von der Agonie Jesu am Ölberg berichten (Lk 22,43 f�), in einem Dutzend alter Handschriften, sind aber in der übergroßen Mehrheit der Überlieferung enthalten� 16 Diese Verse lassen sich ohne weiteres als eine sekundäre, antidoketische Einfügung in den Text verstehen, die belegen soll, dass Jesus tatsächlich und nicht nur scheinbar gelitten hat� Auch wenn nicht alle von Ehrman angeführten Beispiele gleichermaßen überzeugend sind, gibt es doch 14 D� C� Parker, The Living Text of the Gospels, Cambridge (UK)/ New York 1997; ders�: Scripture is Tradition, in: Manuscripts, Texts, Theology. Collected Papers 1977-2007 (ANTF 40), Berlin/ New York 2009, 265-273; ebd., 267 das charakteristische Zitat von Günther Zuntz: „The tradition flows on�“ 15 B� D� Ehrman, The Orthodox Corruption of Scripture� The Effect of Early Christological Controversies on the Text of the New Testament, New York [u� a�] 1993� 16 Lk 22,43 f� fehlen in: P 75 א 1 A B N T W 579 1071* l 844 pc f sy s sa bo pt (und wenigen patristischen Handschriften). Enthalten sind die Verse dagegen in א* �2 D L Θ Ψ 0171 f 1 lat sy c�p�h bo pt sowie dem ganzen Rest der Überlieferung einschließlich einer Reihe patristischer Zeugen� Zum Problem vgl� Ehrman, a�a�O�, 220 ff� 92 Matthias Klinghardt eine ganze Reihe von Varianten, die sich auf diese Weise erklären lassen� Wenn Ehrman diese Varianten unter den Titel „Orthodoxe Korruption“ fasst, insistiert er auf der Integrität und Überlegenheit des Ausgangstextes gegenüber diesen Veränderungen� Aber auch das Modell der „orthodoxen Korruption“ lässt die wichtigsten Fragen der Textgeschichte offen� Es kann zwar allgemeine (theologische) Gründe für die Veränderungen angeben, nicht aber, wer sie wann und wo vorgenommen haben könnte: Da sich keine einzige dieser Korrekturen auf Synodalbeschlüsse oder wenigstens bischöfliche Entscheidungen zurückführen lässt, bleibt auch hier nur die Annahme einer langen Kette einzelner, eigenmächtiger Eingriffe in den überlieferten Text, die sich in keinem Fall konkretisieren lassen und deshalb beliebig bleiben� Diese Situation macht ein Problem von großer methodischer Tragweite sichtbar� Denn wenn sich die Entstehung der redaktionellen Varianten historisch nicht befriedigend erklären lässt, dann kann auch der aus der Vielzahl der Varianten rekonstruierte Ausgangstext keinen Anspruch auf historische Plausibilität erheben: Ohne ein nachvollziehbares textgeschichtliches Modell bleibt auch ein mit großem wissenschaftlichem Aufwand rekonstruierter Text unkritisch, weil er die Kriterien für die Leitunterscheidung nicht benennen kann� II. Sekundäre Entstehung der Varianten? Die „Western Non-Interpolations“ als Testfall Die Behauptung, dass man die Entstehung der Varianten verstehen muss, um den Ausgangstext belastbar rekonstruieren zu können, lässt sich leicht überprüfen� Dafür empfiehlt es sich, bei den deutlichsten Phänomenen einzusetzen, und das sind die berüchtigten „Western Non-Interpolations“� Mit diesem Begriff hatten Westcott und Hort eine Gruppe von Varianten bezeichnet, die sie für ursprünglich hielten, obwohl sie nur in Handschriften des sog� „Westlichen Texts“ auftauchten� 17 Im Vergleich mit allen anderen Zeugen zeigen diese Varianten „Lücken“ im Text; da der „Westliche“ Text nach ihrer Ansicht besonders zu „Interpolationen“, also zu Ergänzungen, neigte, hielten Westcott und Hort diese Varianten für besonders auffällig und nannten sie „Non-Interpolations“� Sie markierten diese Passagen, indem sie den von der restlichen Überlieferung gebotenen Text in doppelte eckige Klammern setzten, um anzuzeigen, dass 17 Westcott / Hort (o� Anm� 8), I 175: Bei einigen Lesarten „können wir keinen Zweifel haben, dass sie trotz des ausschließlich ‚Westlichen’ Charakters ihrer Bezeugung ursprünglich sind� Es sind alles Auslassungen, oder, um genauer zu sein, Nicht-Interpolationen von unterschiedlicher Länge: Das heißt, der ursprüngliche Text hat hier, nach unserem besten Wissen, in allen erhaltenen Nicht-Westlichen Zeugen Interpolationen erlitten�“ Die Schrift und die hellen Gründe der textkritischen Vernunft 93 er nach ihrer Ansicht nicht ursprünglich sei� Die Gruppe dieser „Non-Interpolations“ ist klein, und sie begegnen fast nur im Lk� 18 Das bekannteste Beispiel ist der sog� „Kurztext“ im lk Mahlbericht, der in den „Westlichen“ Handschriften mitten im sog� Brotwort nach „Dies ist mein Leib“ abbricht� Es fehlt die gesamte Weiterführung: „… der für euch gegeben wird� Das tut zu meinem Gedächtnis� Desgleichen auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird! “ 19 Man versteht, dass und warum Westcott / Hort der Ansicht waren, dass die kurze Lesart ursprünglich sein müsse: Dass sie um Lk 22,19b�20 ergänzt wurde, ist - im Licht der Parallelen in den anderen Synoptikern und vor allem in 1Kor 11,24f - ohne weiteres nachvollziehbar� Umgekehrt führt schlechterdings kein Weg von der Langzur Kurzfassung: Dem steht alles, was wir über die Theologie- und Ritualgeschichte wissen, diametral entgegen� 20 Es war daher konsequent, dass die nur im „Langtext“ enthaltenen Vv� 22,19b�20 bis zur 25� Auflage des „Nestle“ - genau wie bei Westcott / Hort - nur in eckigen Klammern erschienen und nicht als Teil des ursprünglichen Textes gewertet wurden� Dies konnte allerdings nur den Nutzern der kritischen Ausgaben auffallen� Denn erst seit 1968 gibt es eine Selbstverpflichtung der nationalen Bibelgesellschaften, ihren landessprachlichen Übersetzungen den Text der kritischen Ausgaben zugrunde zu legen� 21 Bis dahin boten die Übersetzungen (auch die deutschen) ihren eigenen traditionellen Text, und der enthielt immer den Langtext� Aber als 1980 die Einheitsübersetzung und 1984 die vorletzte Revision der Lutherbibel veröffentlicht wurden, orientierten sie sich vereinbarungsgemäß an dem gemeinsamen Text der kritischen Aus- 18 Es handelt sich um lediglich neun Varianten (zu Mt 27,49; Lk 22,19b-20; 24,3; 24,6; 24,12; 24,36; 24,40; 24,51; 24,52), die sich dadurch auszeichnen, dass alle „Westlichen“ Handschriften dasselbe Textphänomen zeigen, also der Codex Bezae (D 05), die Altlateiner (it; in NA durch Kleinbuchstaben bezeichnet) und die altsyrischen Handschriften (sy s�c )� 19 Diese Übersetzung folgt - dem Jubiläumsanlass dieses Bandes entsprechend - der Lutherbibel 2017� Dass diese revidierte Übersetzung eindeutig falsch und in hohem Maß sinnentstellend ist, sei hier nur deshalb angemerkt, weil diese Revision ausdrücklich als ihr zentrales Kriterium die „Treue gegenüber dem Ausgangstext“ angibt und darauf verweist, die „gesamte Bibel anhand der hebräischen und griechischen Urtexte überprüft“ zu haben� In diesem Fall müssen wohl andere Kriterien leitend gewesen sein� Zur richtigen Übersetzung vgl� M� Klinghardt, Der vergossene Becher: Ritual und Gemeinschaft im lukanischen Mahlbericht, Early Christianity 3 (2012), 33-58. 20 Zu diesem Urteil kommt auch M� Rese, Zur Problematik von Kurz- und Langtext in Luk� XXII 17 ff�, NTS 22 (1975), 15-31. 21 Guiding Principles for Interconfessional Cooperation in Translating the Bible, Bible Translator 19 (1968), 101-110; diese Fassung wurde erneuert: Guidelines for Interconfessional Cooperation in Translating the Bible� The New Revised Edition (1987), African Ecclesiastical Review 30 (1988), 331-344. 94 Matthias Klinghardt gaben, die kurz zuvor in neuen Auflagen erschienen waren� 22 Jetzt allerdings hatten sie - zum ersten Mal in der Geschichte der kritischen Ausgaben! - die kürzeren Fassungen der „Western Non-Interpolations“ für sekundär erklärt und sie aus dem Text verbannnt� Seither bieten sie im lk Mahlbericht den Langtext, dem konsequenterweise dann auch die Übersetzungen folgen� Es ist nicht ganz leicht, die Gründe für diese gravierende Veränderung der textkritischen Einschätzung zu eruieren� Sie wurde auch nicht von allen Herausgebern geteilt: Die Widersprüchlichkeit spiegelt sich noch in den gespaltenen Voten der Herausgeber, die sich offensichtlich nicht annähern ließen� 23 Das Minderheitsvotum zugunsten des Kurztextes argumentierte mit den anerkannten Gesetzmäßigkeiten der Textproduktion (eine sekundäre Ergänzung ist leichter erklärbar als eine Kürzung) sowie der nicht-lk Sprache von 22,19b�20 (ein schwaches Argument, das immer der Zirkularität verdächtig ist) und erklärte den Langtext als Ergänzung unter Einfluss von 1Kor 11,24f (dies ist wegen der identischen Struktur des Becherwortes ohne weiteres nachvollziehbar)� Die Befürworter des Langtextes konnten die Entstehung des Kurztextes nicht erklären� Dem Bericht zufolge führten sie „Kopistenversehen“ und „Missverständnisse“ an, also Kontingenzphänomene, die sich prinzipiell der historischen Rekonstruktion entziehen: Offensichtlich nahm man diese Nicht-Erklärung wegen der „überwältigenden äußeren Bezeugung“ für den Langtext in Kauf� 24 Damit ist nicht nur die große Masse der Handschriften gemeint, sondern vor allem das Gewicht des P 75 � Diese Handschrift, die seit den 1950er Jahren bekannt wurde, stimmt mit vielen als „zuverlässig“ geltenden Zeugen aus dem 4� und 5� Jh� überein, geht aber bereits auf das 3� Jh� zurück - und enthält den Langtext� Die Argumentation besagt also: P 75 ist ein „zuverlässiger“ Zeuge, weil er an vielen Stellen mit dem Sinaiticus und dem Vaticanus zusammengeht� Aber weil er deutlich älter ist als diese, lässt sich deren „zuverlässige“ Textgestalt schon bis an den Anfang des 3� Jh� zurückverfolgen; sie ist deshalb - mit dem Langtext, natürlich - ursprünglich� 25 Die Abwä- 22 Die 26� Auflage des Nestle-Aland (NA 26 ) erschien 1979� Bereits 1975 war die dritte Auflage des Greek New Testament (GNT 3 ) erschienen (das zuvor den Text der Ausgabe von Westcott / Hort enthalten hatte); sie nahm eine grundlegende Revision des Textes vor und berücksichtigte dabei die für NA 26 geplanten Änderungen des Textes� 23 Vgl� B� M� Metzger, A Textual Commentary on the Greek New Testament, London/ New York 4 1994, 164: Die Beurteilung der Western Non-Interplations hatte „a sharp difference of opinion“ zu Tage treten lassen� 24 Metzger, a� a� O�, 149: „The majority, on the other hand, impressed by the overwhelming preponderance of external evidence supporting the longer form, explained the origin of the shorter form as due to some scribal accident or misunderstanding�“ 25 Ausführlich dargelegt von K� Aland, Die Bedeutung des P 75 für den Text des Neuen Testaments� Ein Beitrag zur Frage der „Western non-interpolations“, in: ders�, Studien zur Überlieferung des Neuen Testaments und seines Textes (ANTF 2), Berlin 1967, 155-172. Die Schrift und die hellen Gründe der textkritischen Vernunft 95 gung der inneren Gründe, also die historische Plausibilisierung der Entstehung der einen aus der anderen Lesart, ist dabei völlig vernachlässigt worden und hinter ein formales Verfahren zurückgetreten, in dem sich die „Zuverlässigkeit“ bestimmter Zeugen schon längst verselbständigt hatte� Dass diese Begründungsstruktur völlig unhaltbar ist, hätte man an den Stellen sehen können, an denen der P 75 mit den „Westlichen“ Handschriften gegen die überwiegende Mehrheit der Überlieferung steht und einen kürzeren Text bietet� 26 Die textkritische Entscheidung für die Priorität des Langtextes basiert auf einer gewaltsamen Argumentation und ist unhaltbar� Aber aus theologischer Sicht ist das Ergebnis akzeptabel� Denn ein Abendmahlsbericht ohne Becherwort, ohne Blut und ohne neuen Bund, dafür aber mit einer gänzlich anderen Ritualstruktur wäre für den kirchlichen Gebrauch schwer vorstellbar� Nachdem sich die Bibelgesellschaften auf die eine, gemeinsame Textgrundlage verpflichtet hatten, ahnt man ihre Erleichterung, als die Herausgeber es geschafft hatten, die „Western Non-Interpolations“ (und mit ihnen: den Kurztext) nach über 100 Jahren kurzerhand wegzuerklären� Nur im Stillen bleibt die Frage: Was hätte Luther wohl zu dieser Geringschätzung der hellen Gründe der historischen Vernunft zugunsten der kirchlichen Tradition gesagt? III. Analogie von Text- und Überlieferungsgeschichte: Eine vereinheitlichende Redaktion Diese Situation resultiert aus der textkritischen Prämisse, jeweils den ältesten erreichbaren Text zu rekonstruieren� Sie ist der protestantischen Schrifttheologie seit ihren Anfängen unter dem Einfluss des Humanismus inhärent, der sich ja auch in der Orientierung an dem hebräischen und griechischen Bibeltext zeigt� Diese Prämisse ist noch nie ernsthaft angezweifelt worden; aber ist sie korrekt? Erste Zweifel sind angebracht, wenn man sich vor Augen führt, wie unscharf die Kategorie des Augangstexts ( initial text ) ist, um den sich die neuere Textkritik bemüht� In formaler Hinsicht ist der Ausgangstext ein hypothetischer Archetyp, auf den alle Textformen zurückgehen� Das Problem wird sichtbar, wenn man den Ausgangstext als den „frühesten überlieferten Text“ definiert, „das heißt diejenige Textform, in der eine frühchristliche Schrift zuerst zu zirkulieren begann und kopiert wurde�“ 27 Denn wo genau setzen „Zirkulation“ und „Kopieren“ ein? Holmes selbst nennt als Beispiel den dokumentarischen Römerbrief, also das von Paulus als materiales Objekt nach Rom verschickte Schreiben, 26 Z� B� in Lk 11,2d; 12,39; 22,43 f�; 23,34a usw� 27 Holmes, a� a� O� (o� Anm� 10), 638: „… ’the earliest transmitted text’, that is, the form(s) of text in which an early Christian writing first began to circulate and be copied�“ 96 Matthias Klinghardt setzt also den Ursprung der handschriftlichen Überlieferung wieder mit dem Entstehen des Autographes gleich� 28 Wenn aber die textkritisch relevante Handschriftenüberlieferung bereits bei der ersten Kopie des Autographen einsetzt, dann impliziert dies die grundsätzliche Gleichartigkeit aller Veränderungen, die später an diesem Text vorgenommen wurden (also die lange Kette individueller und nicht-identifizierbarer Eingriffe)� Unter diesen Voraussetzungen ist es nur konsequent, den kritisch zu erstellenden Ausgangstext mit dem „originalen“ Autographen zu identifizieren� Die Annahme einer prinzipiellen Gleichförmigkeit der Textgeschichte setzt allerdings eine entsprechend gleichförmig verlaufende Überlieferungsgeschichte voraus: Das textgeschichtliche Modell der Textwucherungen (also einer langen Reihe von einzelnen, zufälligen und nicht identifizierbaren Veränderungen) impliziert die Vorstellung eines Sammlungsprozesses der nt�lichen Schriften, der anonym, ungesteuert, quasi von allein und ohne identifizierbare Eingriffe von den Autographen direkt zur fertigen Sammlung führt� Aber diese Vorstellung ist romantisch-naiv und (zumal für die dokumentarischen Briefe! ) unhaltbar� Denn alle (! ) verfügbaren handschriftlichen Zeugen der nt�lichen Schriften zeigen die Spuren vereinheitlichender Eingriffe: Die nomina sacra , die einheitliche Gestaltung der Titel der Schriften und die Einheitlichkeit des Umfangs der Teilsammlungen sowie der Reihenfolge der in ihnen enthaltenen Schriften belegen über jeden vernünftigen historischen Zweifel hinaus die Tätigkeit einer vereinheitlichenden Redaktion� 29 Die Entsprechung von Text- und Überlieferungsgeschichte eröffnet daher die Möglichkeit, dass diese vereinheitlichende Redaktion auch in den überlieferten Textbestand eingegriffen haben könnte und auf diese Weise für die Entstehung von Varianten verantwortlich ist; das ist die These� „Redaktion“ heißt: Die Eingriffe in den Text sind nicht fehlerhaft und beliebig, sondern reflektiert und intentional� Dass diese Redaktion „vereinheitlichend“ ist, besagt: Es geht nicht um zufällige textliche Änderungen in der einen oder der anderen Schrift, sondern um eine systematische Redaktion, die sich über mehrere Einzeltexte erstreckt, deswegen eine Sammlung bearbeitet und eine gewisse Kohärenz erwarten lässt� Ein Beispiel, an dem sich diese integrierende Bearbeitung sehr gut zeigen lässt, ist die Datierung der Auferstehungsweissagungen in den Leidensankündigungen der synoptischen Evangelien� Bekanntlich weichen die Formulierungen, mit denen die Auferstehung datiert wird, voneinander ab: Bei Mk verheißt Jesus die Auferstehung des Menschensohns nach drei Tagen , bei Mt und Lk dagegen 28 Vgl� Holmes, a� a� O�, 659; es ist deswegen konsequent, dass er auch wieder vom „original text“ spricht (ebd�, 659 Anm� 87)� 29 Vgl� D� Trobisch, Die Endredaktion des Neuen Testaments� Eine Untersuchung zur Entstehung der christlichen Bibel (NTOA 31), Freiburg, Schweiz 1996� Die Schrift und die hellen Gründe der textkritischen Vernunft 97 am dritten Tag � 30 Auf den ersten Blick scheint diese Varianz verständlich: Die mk Datierung passt nicht zu dem Gang der Erzählung, denn zwischen der Sterbestunde Jesu am Karfreitag und Ostermorgen liegen gerade mal 39 Stunden: nach drei Tagen ist das nicht� Deswegen haben Mt und Lk, so die gängige Erklärung, diese Diskrepanz dadurch beseitigt oder wenigstens verringert, dass sie die Auferstehung am dritten Tag erwarten: Sie haben die besprochene an die erzählte Zeit angepasst� 31 Dass die (mt-lk) Formulierung am dritten Tag gegenüber dem mk nach drei Tagen sekundär und daraus entstanden ist, ist plausibel: Der umgekehrte Weg wäre kaum nachvollziehbar� Allerdings ist diese Erklärung in doppelter Hinsicht ergänzungsbedürftig� Zum einen muss man natürlich auch die mk Datierung nach drei Tagen verstehen: Warum schafft Mk mit dieser Formulierung eine solche Spannung zu seiner eigenen Erzählung? Die Antwort liefert der traditionsgeschichtliche Hintergrund des auf Daniel zurückgehenden Wochenschemas, dem zufolge es „eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit“ dauert, bis die Herrschaft des Widersachers beendet ist bzw� die endzeitlichen Propheten auferstehen werden� 32 Diese komplizierte Wendung ist in der verzweigten Tradition häufig vereinfacht worden, unter anderem durch nach dem dritten Tag oder auch nach drei Tagen � 33 Die mk Datierung nach drei Tagen ist also eine gängige und traditionskonforme Vereinfachung� Aber auch damit ist die Erklärung noch nicht vollständig� Denn ein Blick in die Handschriften zeigt, dass in fünf der insgesamt acht datierten Auferstehungsweissagungen beide Formulierungen bezeugt sind� 34 Das heißt: In den Handschriften aller Evangelien finden sich beide Formulierungen nebeneinander, also in Mk auch die jüngere, an den Gang der Erzählung angepasste Wendung am dritten Tag , in Mt und Lk auch die ältere, traditionsnahe Formulierung nach drei Tagen � In allen fünf Fällen liest die übergroße Mehrheit der Handschriften die jüngere Formulierung 30 Mk 8,31; 9,31; 10,34 : meta treis hēmeras � - Mt 16,21; 17,23; 20,19; Lk 9,22; 18,33: tē tritē hēmera (die Leidensankündigung in Lk 9,44 enthält keinen Hinweis auf die Auferstehung)� 31 Diese Veränderung zwischen den Evangelien belegt im Übrigen, dass (1) die Differenz beider Formulierungen durchaus als Problem wahrgenomnen wurde (was gelegentlich bestritten wird, vgl� z� B� H� K� McArthur, „On the Third Day“, NTS 18 [1971 / 72], 81-86) und dass (2) nach drei Tagen auch bei „inklusiver Zeitrechnung“ (so eine häufige Erklärung) nicht für den erzählten Zeitraum zwischen Freitagnachmittag und Sonntagmorgen passt� 32 Vgl� K� Berger, Die Auferstehung des Propheten und die Erhöhung des Menschensohns (StUNT 13), Göttingen 1976, 107 ff� 33 Z� B�: Lactantius, Div� Inst� VII 14,3 (ed� Brandt 638: post diem tertium reviviscet ); Lat� Tiburtina (ed� Sackur 186 : post tres dies a Domino suscitabuntur ); Adso, De Antichr� (PL 101, 1297a: post tres dies a Domino suscitabuntur )� 34 In Mk 8,31 bieten alle Handschriften ohne Ausnahme nach drei Tagen , in Mt 20,19 und Lk 19,22 dagegen, ebenso ausnahmslos, am dritten Tag � 98 Matthias Klinghardt ( am dritten Tag ), während die ältere ( nach drei Tagen ) nur von einer Minderheit der Zeugen geboten wird� 35 Die korrigierende Anpassung der besprochenen an die erzählte Zeit lässt sich folglich nicht überlieferungsgeschichtlich zwischen Mk auf der einen und Mt und Lk auf der anderen Seite verorten: Diese Korrektur kann erst auf einer Überlieferungsstufe durchgeführt worden sein, auf der alle drei synoptischen Evangelien bereits vorlagen� Da der Bedarf für diese Korrektur offenkundig ist, könnte sie theoretisch in den einzelnen Evangelien von verschiedenen Bearbeitern zu verschiedenen Zeiten durchgeführt worden sein� Aber dagegen spricht ihre Einheitlichkeit, die keineswegs auf der Hand liegt� Denn zur Bezeichnung eines Zeitraums von weniger als 48 Stunden bieten sich ja auch andere Formulierungen an: So wäre beispielsweise nach zwei Tagen nicht nur präziser als am dritten Tag , sondern würde auch einen geringeren Eingriff in den Textbestand erfordern� Die Einheitlichkeit der Korrekturen verrät daher nur eine einzige Hand, die demzufolge keine Einzeltexte bearbeitet hat, sondern eine Sammlung� Alle drei Evangelien wurden also einer einheitlichen, intentionalen und reflektierten Bearbeitung unterzogen: Hier sind nicht irgendwelche beliebige Kopisten am Werk, sondern ein Bearbeiter� Dieser Bearbeiter hat nicht Einzeltexte bearbeitet, sondern eine Sammlung der Evangelien vor sich gehabt und deren Text systematisch aneinander angeglichen� Und schließlich hat diese Bearbeitung ihre Spuren in den Handschriften hinterlassen: Die Varianten sind die Folge der Redaktion� Dabei lässt sich recht genau zwischen ursprünglichen und sekundären Lesarten unterscheiden, wobei in allen Fällen die übergroße Mehrheit der Zeugen die sekundäre Lesart bietet� Es ist nicht wirklich überraschend, dass die kritischen Ausgaben in der Rekonstruktion ihres Textes alles andere als konsequent verfahren: Denn würden sie tatsächlich jeweils den ältesten Text rekonstruieren, dann müssten sie ganz eindeutig an allen Stellen - also auch in Mt und Lk - die Lesart nach drei Tagen bieten� Wie im Fall des lk Mahlberichtes müssen auch hier irgendwelche anderen Kriterien leitend gewesen sein� IV. Der älteste Text oder der Text des Neuen Testaments? Mit dem Nachweis, dass nicht ältere Einzeltexte, sondern eine (Evangelien-) Sammlung planmäßig und systematisch bearbeitet wurde, stellt sich die weitergehende Frage, ob diese Redaktion mit der „Endredaktion des Neuen Testaments“ gleichgesetzt werden kann, die auch für die Zusammenstellung der einzelnen Schriften in Teilsammlungen und für die Titelgebung verantwortlich 35 Die handschriftliche Bezeugung ist aufgeschlüsselt bei M� Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der Evangelien (TANZ 60), Tübingen 2015, 322 f� Die Schrift und die hellen Gründe der textkritischen Vernunft 99 war� Tatsächlich gibt es Gesichtspunkte, die es erlauben, Umfang, Zeit und Profil dieser Bearbeitung wahrscheinlich zu machen und auf diese Weise die Entstehung eines wichtigen Teils der Varianten historisch einzuordnen� Am Anfang ist es sinnvoll, noch einmal einen Blick auf die „Western Non- Interpolations“ zu werfen� Auch wenn die von Westcott und Hort getroffene Stellenauswahl wenig verlässlich ist, ist es vermutlich kein Zufall, dass diese eindeutig redaktionellen Varianten gerade im Lk-Evangelium so gehäuft auftreten� Wenn man fragt, was die Textüberlieferung des Lk von der der anderen Evangelien unterscheidet, dann wird sehr schnell eine Besonderheit deutlich� Denn im 2� und 3� Jh� ist von allen Evangelien gerade das Lk-Evangelium in der Hand von „Häretikern“ bezeugt� Origenes behauptet beispielsweise, dass „zahllose Häresien“ das Evangelium nach Lukas rezipieren, 36 und fügt an anderer Stelle hinzu, dass „alle Häretiker, die das Evangelium nach Lukas benutzen, verachten, was in ihm geschrieben ist“� 37 Damit ist gemeint: sie bearbeiten es und lassen weg, was ihnen daran nicht passt� Diese Behauptung entspricht dem, was seit Irenäus, Tertullian und anderen über Marcion von Sinope berichtet wird: Er habe sich das kanonische Lk-Evangelium nach seinen eigenen theologischen Vorstellungen zurechtgeschnitzt und „verstümmelt“� Diese Ansicht hat ihren klassischen Ausdruck bekanntlich in Harnacks großem Marcion-Buch gefunden� 38 Allerdings hat sich Harnack nie die Mühe gemacht, diese zentrale These auch nur ansatzweise zu begründen� 39 Tatsächlich ist die Ansicht, dass Marcion das kanonische Lk bearbeitet habe, nach allen literar- und überlieferungskritischen Gesichtspunkten unhaltbar� Man versteht zwar, dass und warum die häresiologischen Stimmen in der Auseinandersetzung mit den Marcioniten auf 36 Origenes, Hom� in Lc 16,5: innumerabiles quippe haereses sunt, quae evangelium secundum Lucam recipiunt (GCS 49, 97,12f = FC 4 / 1, 188,6f). Auch Irenäus kennt Häretiker (in diesem Fall die Valentinianer), die das Lk (und zwar nur Lk, nicht auch Act) rezipieren (Iren� 3,15,1 f�)� 37 Origenes, Hom� in Lc 20,2: erubescant omnes haeretici qui evangelium recipiunt secundum Lucam et, quae in eo sunt scripta, contemnunt (GCS 49, 120,7ff = FC 4 / 1, 224,24 ff�)� Origenes verweist als Beispiel auf Lk 20,38 und führt aus, dass dieser Vers bei den Marcioniten und bei den Valentinianern gefehlt habe� 38 A� von Harnack, Marcion� Das Evangelium vom fremden Gott (TU 45), Leipzig 2 1924 (= repr� Darmstadt 1996)� 39 A�a�O�, 240*: „Daß das Evangelium Marcions nichts anderes ist [,] als was das altkirchliche Urteil von ihm behauptet hat, nämlich ein verfälschter Lukas, darüber braucht kein Wort mehr verloren zu werden“ - das hat Harnack dann auf den restlichen über 750 Seiten auch gar nicht getan� Stattdessen hat er nur einfach die Lösung wiederholt, die er sich 50 Jahre zuvor in seiner Preisarbeit aus dem 2� Studienjahr (seinem eigenen Zeugnis zufolge: lediglich kursorisch) angelesen hatte, vgl� A� von Harnack, Marcion� Der moderne Gläubige des 2� Jahrhunderts, der erste Reformator; die Dorpater Preisschrift (1870) ed� Fr� Steck (TU 149), Berlin 2003, 122-125. 100 Matthias Klinghardt dem höheren Alter des Lk insistieren, aber Marcions Behauptung, das in seiner Sammlung enthaltene Evangelium sei von seinen theologischen Gegnern so interpoliert worden, dass es jetzt mit „Gesetz und Propheten“ eine Einheit bilde, 40 ist historisch mit großem Abstand wahrscheinlicher� Das Abhängigkeitsverhältnis zwischen beiden Texten ist daher umzukehren: Nicht Marcion hat das Lk-Evangelium bearbeitet, sondern unser kanonisches Lk-Evangelium ist eine redaktionelle Bearbeitung des Evangeliums, das (neben zehn Paulusbriefen) Teil von Marcions Schriftensammlung war� 41 Unter dieser Voraussetzung gewinnen die meisten textkritischen Auffälligkeiten der Lk-Handschriften ein neues Gewicht� Denn für das (ältere) marcionitische Evangelium sind in großer Zahl Formulierungen bezeugt, die wir aus den Varianten der Handschriften des (jüngeren) kanonischen Lk kennen und die dort jeweils die älteren Lesarten darstellen� Zu diesen Entsprechungen gehören zunächst einmal die hier erwähnten Beispiele für die Varianten des Lk-Textes: So enthielt das marcionitische Evangelium den Kurztext des Mahlberichts bzw� die ältere Fassung der Datierung der Auferstehungsweissagung ( nach drei Tagen ), auch die beiden Verse über Jesu Agonie am Ölberg (Lk 22,43 f�) haben gefehlt� Aber das ist noch nicht einmal die Spitze des Eisbergs� Denn auch die „Lücken“ anderer „Western Non-Interpolations“ sind für das marcionitische Evangelium bezeugt� Darüber hinaus gibt es eine große Zahl ganz ähnlicher Lücken, die Westcott und Hort gar nicht zu den „Western Non-Interplations“ gerechnet hatten, weil sie nicht in allen der zum „Westlichen Text“ gerechneten Handschriften geboten wurden� Das heißt: Das textkritische Phänomen sekundärer, redaktioneller Ergänzungen (die in den Handschriften als „Lücken“ erkennbar sind), ist sehr viel weiter verbreitet, als es die neun Beispiele nahelegen, die Westcott und Hort zusammengestellt haben, und es taucht keineswegs nur in „Westlichen“ Handschriften auf, sondern ist über alle Bereiche der Überlieferung verteilt� Tatsächlich erschließt sich hier eine ganz neue Dimension für die Textkritik� Denn wenn die Differenzen zwischen dem marcionitischen Evangelium und Lk sich derselben Redaktion verdanken, die auch für die Angleichung der Auferstehungsweissagungen verantwortlich ist, dann bietet der Text dieses Evangeliums eine einzigartige Möglichkeit zur Überprüfung und Bewertung der Lesarten in den Lk-Handschriften� Und zwar im großen Stil: Der Text des marcionitischen Evangeliums stimmt mit den Varianten der Lk-Hand- 40 Tertullian belegt die wechselseitigen Ansprüche auf das „unverfälschte“ Evangelium „Ich behaupte, dass mein Evangelium wahr ist, Marcion, dass seines wahr ist; ich versichere, dass Marcions gefälscht ist, er dagegen, dass meines gefälscht ist“ (Adv� Marc� 4,4,1); zu dem aus Marcions Antithesen stammenden Interpolationsvorwurf vgl� Adv� Marc� 4,4,4� 41 Zuletzt ausführlich M� Klinghardt, a� a� O� (o� Anm� 35), passim � Die Schrift und die hellen Gründe der textkritischen Vernunft 101 schriften in mehreren hundert Fällen überein� 42 Noch wichtiger: In allen Fällen ist das textkritische Urteil (nach der binären Unterscheidung primär / sekundär) eindeutig, weil sich die Lesarten auf die beiden Rezensionen desselben Textes verteilen lassen: Die „primären“ Lesarten finden sich im marcionitischen Evangelium, die „sekundären“ in Lk� Das hat zunächst Konsequenzen für die hier kurz angesprochenen Beispiele� Denn das marcionitische Evangelium enthielt den Mahlbericht in seiner Kurzform� Das ist also die Vorstufe, die dann durch die Redaktion zum „Langtext“ ergänzt wurde, und zwar in einer Gestalt, die bekanntlich stark von 1Kor 11,24 f� beeinflusst ist� Dieser Einfluss bestätigt die Vermutung, dass die redaktionelle Bearbeitung des älteren Evangeliums mit der „Endredaktion“ des Neuen Testaments identisch ist: Sie hatte nicht nur eine Evangeliensammlung vorliegen, sondern (mindestens) auch die Paulusbriefe� Vor allem aber wird deutlich, dass die kritischen Ausgaben, die ja seit dem Nestle-Aland 26 (bzw� dem GNT 3 ) den „Langtext“ bieten, im Ergebnis korrekt sind: Das ist die Textfassung, die zu Recht in das Lk-Evangelium als Teil des Neuen Testaments gehört� Diese textkritische Entscheidung ist jedoch nur zufällig richtig: Gemessen an den eigenen methodischen Voraussetzungen ist sie inkonsequent� „Zufällig richtig“ ist für eine wissenschaftliche Ausgabe natürlich zu wenig, wie das nächste Beispiel zeigt� Denn während hier die inkonsequente (und insofern „falsche“) Entscheidung zum richtigen Ergebnis führt, hat im Fall der Auferstehungsweissagungen die konsequente (und insofern „richtige“) Entscheidung für den „ältesten“ Text zu einem falschen Ergebnis geführt: In Mk 9,31 und 10,34 haben die kritischen Ausgaben die älteren, aber „vorkanonischen“ Formulierungen nach drei Tagen anstelle der korrigierten Wendung am dritten Tag in den Text gestellt - konsequent, aber falsch� Derlei Inkonsequenzen (z� B� bei allen „Western Non-Interpolations“) und Fehlurteile (in ungezählten Kleinigkeiten) finden sich in den kritischen Ausgaben auf Schritt und Tritt� Sie sind die Folge eines unzureichenden Modells der Textgeschichte� Deswegen besagt die entscheidende Konsequenz: Wenn Lk eine redaktionelle Bearbeitung des marcionitischen Evangeliums ist, und wenn außerdem die Lesarten aus diesem Evangelium in den Lk-Handschriften als Varianten auftauchen, dann bezeugen diese älteren Varianten nicht den kanonischen Lk- Text, sondern den des älteren marcionitischen Evangeliums� Die Suche nach den ältesten Varianten in den Lk-Handschriften führt also nicht zum Neuen Testament, sondern zu seiner Vorstufe� Und damit stellt sich die Grundfrage nach 42 Zur Einschätzung der Größenordnung: Von allen (rund 530) Differenzen zwischen dem Text des marcionitischen Evangeliums und dem kanonischen Lk (in der Textform der kritischen Ausgaben) haben knapp 400 (also drei Viertel! ) Entsprechungen in den Varianten der Lk-Handschriften; zu den Zahlen vgl� Klinghardt, a� a� O�, 1211 ff� 102 Matthias Klinghardt der Aufgabe der Textkritik: Soll sie tatsächlich die älteste erreichbare Textform rekonstruieren und dazu noch hinter die Form der Texte zurückgehen, in der sie erstmals Teil des Neuen Testaments waren? Sollte sie - eine extreme Überzeichnung zur Verdeutlichung - das Autograph etwa des dokumentarischen Römerbriefs rekonstruieren, ein kontextloses, isoliertes Schriftstück, das noch keine Evangelien kannte, das Brief war, aber nicht „Schrift“? Oder sollte die Textkritik des Neuen Testaments genau dieses rekonstruieren: Das Neue Testament ? Das ist die Ausgabe mit 27 Schriften, die (vermutlich) von einer Hand zusammmengestellt, auf jeden Fall aber von einer Hand in einer Endredaktion bearbeitet wurden, eine Ausgabe, die ihre Überlegenheit über die ältere Konkurrenzausgabe der marcionitischen „Bibel“ schon bald unter Beweis gestellt und kanonische Geltung erlangt hatte� V. Auf dem Weg zu einer textgeschichtlichen Theorie Die wichtigste Einsicht besteht letztlich darin, dass es tatsächlich einen historisch identifizierbaren Ursprung für das Neue Testament gibt, und dass dieser Ursprung von der Entstehung der einzelnen Autographen verschieden ist� Aus diesem Grund reicht es nicht, für jede einzelne Variante eine („lokale“ oder „kohärenz-basierte“) Genealogie bis an den Anfang zurückzuverfolgen� Stattdessen muss ein Text gefunden werden, der notwendigerweise Bearbeitungsspuren - also Sekundärphänomene - enthält� In der Terminologie von Ehrmans „orthodox corruption of scripture“ müsste man sagen: Nicht die „Schrift“, verstanden als fertig vorliegender Text, wurde einer „orthodoxen“ Bearbeitung unterzogen und dadurch „korrumpiert“, sondern diese „orthodoxe“ Bearbeitung hat die scriptura überhaupt erst hervorgebracht� „Korrumpiert“ wurden dagegen Vorstufen der „Schrift“, also z� B� das marcionitische Evangelium� (Dass die Häresiologen den Korruptionsvorwurf kurzerhand umdrehten und gegen Marcion richteten, ist Ausdruck der Konkurrenz zwischen den beiden Ausgaben und ihren Trägerkreisen�) Dieses Phänomen der Bearbeitung beschränkt sich nicht auf Lk� Wenn die Endredaktion auf ältere Fassungen einzelner Schriften zurückgegriffen und diese redigiert hat, dann müssten sich entsprechende Spuren auch in den anderen neutestamentlichen Texten finden und identifizieren lassen� Das ist auch der Fall� Denn die marcionitische Sammlung enthielt neben dem Evangelium ja noch zehn Paulusbriefe� Auch deren Text unterscheidet sich - teilweise gravierend! - von dem „kanonischen“ Text der Paulusbriefe, wie wir sie als Teil des Neuen Testaments kennen� Wie beim Evangelium geben die meisten dieser Differenzen Aufschluss über die Vorgeschichte der „kanonischen“ Paulusbriefe Die Schrift und die hellen Gründe der textkritischen Vernunft 103 sowie über Ausmaß und theologisches Profil ihrer redaktionellen Bearbeitung� Mit Blick auf die „kanonischen“ Paulusbriefe und ihre früheren Fassungen in der marcionitischen Apostolossammlung muss man sagen, dass die kritischen Ausgaben in den allermeisten Fällen tatsächlich den bearbeiteten Text der „Endredaktion“ bieten - aber gilt dies ausnahmslos und zuverlässig? Da auch die meisten der restlichen 16 Schriften des Neuen Testaments schon vor der Endredaktion vorgelegen haben werden, kann man davon ausgehen, dass auch sie bearbeitet worden sind� Allerdings haben wir hier keine Kontrollinstanz wie die Schriften der marcionitischen Sammlung, die es erlauben würde, die „vorkanonischen“ Varianten mit einiger Sicherheit zu identifizieren� Gleichwohl gibt es Beispiele, für die sich diese Einschätzung mit großer Wahrscheinlichkeit treffen lässt� Der prominenteste Fall ist der sog� „lange Markusschluss“ (Mk 16,9-20). Er ist bekanntlich „sekundär“ gegenüber dem kurzen Schlusss in Mk 16,8, weswegen ihn die kritischen Ausgaben in eckige Klammern setzen: Sie rechnen ihn nicht zum Neuen Testament� Die Kommentare 43 und die gängigen Übersetzungen (in konsequenter Anwendung der Vereinbarung von 1968 / 1987) sind ihnen darin gefolgt� Diese Entscheidung ist nachvollziehbar, weil der lange Schluss tatsächlich gegenüber dem kurzen Schluss sekundär ist� Aber die zahlreichen Querverweise, die der lange Schluss auf andere Sammlungseinheiten des NT enthält, machen es sehr wahrscheinlich, dass er von der Endredaktion stammt: Er ist auf dieser Überlieferungsstufe „ursprünglich“ und gehört mit vollem Recht in das Neue Testament� Das Beispiel des Mk-Schlusses macht deutlich, wie schwer es im Einzelfall sein kann, genau diejenigen Varianten zu identifizieren, die zu dem legitimen Ausgangstext auf der Überlieferungsebene der Endredaktion gehören: Wie lasssen sich diese Bearbeitungsspuren von noch späteren Eingriffen unterscheiden? Denn dass es solche späteren Eingriffe in den Text des NT gegeben hat, steht ja außer Frage; die Veränderung der Anordnung der Schriften durch Luther ist nur ein Beispiel von vielen - und dazu noch eines, das wir sehr genau identifizieren können� In vielen weiteren Fällen ist das anders: Hier ist es erforderlich, eine neue Methodologie zu entwickeln� Wie immer in solchen Fällen ist es leichter zu sagen, wie es nicht gehen kann� Z� B� wird man auf die in vielen Jahrzehnten eingeübte Einschätzung der Verlässlichkeit bestimmter Handschriften in den bequem aufbereiteten „Kategorien“ 44 verzichten müssen, weil sich der „Wert“ der Handschriften in diesem System nach dem Anteil an „ursprünglichen“ Lesarten im Sinn des jeweils höchsten Alters richtet� 43 Z� B� D� Lührmann, Das Markusevangelium (HNT 3), Tübingen 1987, 268: die Auslegung habe „sich also auf Grund der Textüberlieferung auf 16,1-8 zu beschränken.“ 44 Vgl� Aland / Aland (o� Anm� 8), 116 f�; 167 ff� 104 Matthias Klinghardt Die Ursprünglichkeit der Lesarten auf der Ebene der Endredaktion lässt sich aber nicht durch ihr relatives Alter bestimmen� Stattdessen werden die inhaltlichen Aspekte dieser Redaktion eine größere Rolle spielen müssen� Methodisch erfordert dies vor allem, den Zusammenhang von Text-, Überlieferungs- und Sammlungsgeschichte sehr viel stärker zu berücksichtigen, als dies in den letzten Jahrzehnten der Fall war� In der Folge werden die veränderten Kriterien für die richtige „Ursprünglichkeit“ von Varianten dazu führen, dass sich auch die Bewertungsmaßstäbe für „gute“ oder „zuverlässige“ Handschriften ändern� Es ist ohne weiteres denkbar, dass der Textus Receptus diesem Ideal näher kommt, als man sich dies nach den Handschriftenfunden der letzten 150 Jahre vorstellen konnte� Dies alles lässt sich nur bewerkstelligen, wenn sich die neutestamentliche Wissenschaft und die Textkritik um ein plausibles Modell der Textgeschichte bemühen� Dass hierfür eine ganze Menge an Um- und Neudenken erforderlich ist, sollte gerade im Jahr des Reformationsjubiläums nicht schrecken� Dass die hellen Gründe der Vernunft bestimmen, was als Schrift gelten soll, ist der bleibende Auftrag der Reformation� Dass sie sich auch gegen die Beharrungskräfte der Tradition oder der liebgewordenen Denkgewohnheiten durchsetzen, könnte ihre Verheißung sein�
