eJournals ZNT – Zeitschrift für Neues Testament 22/43-44

ZNT – Zeitschrift für Neues Testament
znt
1435-2249
2941-0924
Francke Verlag Tübingen
1201
2019
2243-44 Dronsch Strecker Vogel

Mehr oder weniger plausible Hypothesen

1201
2019
Stefan Alkier
znt2243-440007
Zeitschrift für Neues Testament 22. Jahrgang (2019) Heft 43 / 44 NT aktuell Mehr oder weniger plausible Hypothesen Theologiegeschichtliche Anmerkungen zur Genese und Konstruktion des „synoptischen Problems“ Stefan Alkier Einleitung Die Frage nach den literarischen Abhängigkeitsverhältnissen der neutestamentlichen Evangelien - insbesondere der Synoptiker - ist in Bewegung geraten. Galt noch zu Beginn des Jahrtausends die damals noch sogenannte „Zwei-Quellen- Theorie “ als quasifaktische Lösung des synoptischen Problems, so haben insbesondere Ansätze 1 aus den USA und Großbritannien, aber auch hierzulande, dafür gesorgt, dass der rein hypothetische Charakter aller literaturgeschichtlichen Rekonstruktionen der Evangelienschreibung zunehmend ins exegetische Bewusstsein tritt. Von der Zwei-Quellen-„ Theorie “ als gesicherter Ausgangsbasis der Synoptikerforschung kann längst nicht mehr die Rede sein, besser sollte man auch hier in sach- 1 Vgl. Gospel Interpretation and the Q-Hypothesis, hg. von M. Müller / H. Omerzu, London 2018, mit Beiträgen u. a. von J.S. Kloppenborg, C.M. Tuckett, F. Watson, M. Goodacre, W. Kahl. Mein eigener Beitrag in diesem Band liegt dem hier vorgelegten Artikel zugrunde. Vgl. auch noch G. Strecker (Hg.), Minor Agreements. Symposion Göttingen 1991/ 1993; J.J. Griesbach: Synoptic and Text-Critical Studies 1776-1976, hg. von B. Orchard / T.R.W. Longstaff, SNTS MS 34, Cambridge, 1976. 8 Stefan Alkier lich angemessener Bescheidenheit von der Zwei-Quellen- Hypothese sprechen, die in Konkurrenz zu anderen bedenkenswerten Hypothesen steht. Einerseits verunsichert diese Situation, andererseits eröffnet sie die Chance, ehrlich und kritisch Probleme der Einleitungsfragen neu zu diskutieren und Hypothesen als das zu diskutieren, was sie sind: Hypothesen. Auf keinen Fall wird mehr ein wissenschaftlich verantwortliches Proseminar bzw. ein dafür produziertes Lehrbuch die Zwei-Quellen-Hypothese als faktische Lösung und alle anderen Modelle als „überholt“ darstellen können. Aber auch die alternativen innersynoptischen und außersynoptischen Benutzungshypothesen können mit ihren eigenen Problemen nicht als „Lösung“, sondern ebenfalls lediglich als mehr oder weniger plausible Hypothesen gelten. Im akademischen Unterricht sollten deshalb ab sofort stets mindestens zwei im Ansatz verschiedene Modelle der literarischen Genese der Evangelien gelehrt und ihre Stärken und Schwächen gegeneinander abgewogen werden. Aber wie kam es überhaupt zum sogenannten „synoptischen Problem“, von dem man erst am Ende des 18. Jh.s zu sprechen begann? Haben nicht schon immer aufmerksame Leser die Differenzen und Gemeinsamkeiten der maßgeblichen vier Evangelien bemerkt und diskutiert, wie man es doch schon bei Origenes und Augustin lesen kann? Meine forschungsgeschichtliche Skizze wird ausgewählte Aspekte und Problemkonstellationen aufzeigen, in denen über die Verhältnisse der Evangelien diskutiert wurde. Dabei lege ich den Schwerpunkt auf die ersten fünf Jahrhunderte christlicher Zeitrechnung und dann wieder auf den Zeitraum vom 17. bis zum 19. Jh., in dem die maßgeblichen Hypothesen entstehen, die die heutige Diskussion noch immer prägen. Auf das Ganze gesehen liegt der wohl bemerkenswerteste Unterschied zwischen den Fragestellungen und Lösungsansätzen von der Alten Kirche bis zur Reformationszeit einerseits und der Entwicklung seit dem 17. Jh. andererseits in der unterschiedlichen Funktion des historischen Interesses: War die historische Frage nach Verfasser, Rezipienten und dem Verhältnis der Evangelien untereinander bis zur Reformationszeit eher apologetisch motiviert, so wird sie seit dem 17. Jh. zunehmend hermeneutisch 2 gewendet - und in zunehmend überzogener Weise als die Bedingung der Möglichkeit des Verstehens der Evangelien überhaupt bewertet. Die gegenwärtige offene internationale Debatte hinsichtlich der Entstehung der Evangelien und ihrer literaturgeschichtlichen Abhängigkeiten bietet auch die Chance, die Möglichkeiten, Notwendigkeiten, Unsicherheiten, Bedingungen und Grenzen historischen Verstehens neu zu erörtern und abzuwägen. 3 2 Vgl. S. Alkier, Art. Hermeneutik, www.wibilex.de. 3 Vgl. E. Reinmuth, Neutestamentliche Historik - Probleme und Perspektiven, ThLZ.F. 8, Leipzig 2003. Mehr oder weniger plausible Hypothesen 9 Prof. Dr. Stefan Alkier ist seit 2001 Professor für Neues Testament und Geschichte der Alten Kirche am Fachbereich Evangelische Theologie der Goethe-Universität Frankfurt/ Main. 2009 erschien im Francke-Verlag als NET 12 seine Monographie: Die Realität der Auferweckung in, mit und nach den Schriften des Neuen Testaments. 2010 erschien dort sein Lehrbuch: Neues Testament, UTB Basics. Er war von Heft 1 bis Heft 39 der ZNT geschäftsführender Herausgeber und gibt den neutestamentlichen Teil des bibelwissenschaftlichen Internetlexikons www.wibilex.de heraus. Letzte Veröffentlichungen: S. Alkier/ H. Leppin (Hg.): Juden - Heiden - Christen? , Tübingen 2018; S. Alkier (Hg.): Sola Scriptura 1517-2017, Tübingen 2019. 1. Lukas, Markion und Tatian Die Thematisierung der Entstehung der Evangelien, der Verfasserfragen und ihrer Verhältnisse untereinander ist in der Alten Kirche primär der Apologie und weniger dem Verstehen der Texte geschuldet. Durch den Erweis direkter (Mt und Joh) bzw. indirekter (Mk und Lk) apostolischer Verfasserschaft sollte deren Glaubwürdigkeit verbürgt werden. Das damit zugleich bearbeitete Problem besteht in der Frage, ob die Unterschiede der Evangelien als Widersprüche gelten müssen, die ihre Glaubhaftigkeit in Abrede stellen, oder ob es möglich ist, die Polyphonie 4 der Evangelien als harmonisch vermittelbare Diversität zu würdigen. Der erste Kronzeuge für die Verunsicherung durch die Verschiedenheit der Erzählungen ist der Historiker unter den Evangelisten: Lukas schreibt in seinem Proömium im Stile der antiken Geschichtsschreibung: „Schon viele haben es unternommen, über das, was unter uns geschehen und in Erfüllung gegangen ist, einen Bericht abzufassen nach der Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren. So beschloss auch ich, nachdem ich allem von Anfang an sorgfältig nachgegangen war, es der Reihe nach für dich aufzuschreiben, verehrter Theophilus, damit du die Zuverlässigkeit der Lehren erkennst, in denen du unterrichtet wurdest“. (Lk 1,1-4) 4 Vgl. S. Alkier, Unerhörte Stimmen - Bachtins Konzept der Dialogizität als Interpretationsmodell biblischer Polyphonie, in: M. Köhlmoos / M. Wriedt (Hg.): Kleine Schriften des Fachbereichs Evangelische Theologie Bd. 3 - Wahrheit und Positionalität, Leipzig 2012, 45-70. 10 Stefan Alkier Die Strategie, die Lukas gegen die Verunsicherung wählt, die durch eine Vielzahl von einander abweichender Erzählungen der Ereignisse erzeugt wird, besteht nicht darin, diese differierenden Stimmen miteinander zu harmonisieren, sondern sie kritisch zu benutzen, um eine eigene zuverlässige Erzählung zu produzieren. Lukas ist Zeuge einer Benutzungsstrategie, die aus einem Plural einen Singular machen möchte. Wir wissen, dass er damit gescheitert ist, denn es wurden nach ihm noch viel mehr Evangelien produziert als diejenigen Erzählungen, die er mündlich oder schriftlich selbst gekannt hat. Ob er nur ihren Inhalt zur Kenntnis genommen hat und sein ganzes Evangelium eigenständig formulierte, oder ob er auch Bruchstücke oder sogar seinen Aufriss aus ihnen übernommen hat, können wir nicht wissen, sondern nur mit Modellen hypothetisch rekonstruieren. Denn nur unter Voraussetzung der beiden gegenwärtig um den Vorrang streitenden Benutzungshypothesen, deren eine innersynoptisch angelegt ist (Mk - Mt - Lk) und deren andere eine innersynoptische mit einer außersynoptischen Benutzungshypothese kombiniert - also die Zwei-Quellen-Hypothese (2QH), lassen sich die Übereinstimmungen zwischen Mk und Lk und die zwischen Mt und Lk bzw. „Q“ und Lukas als Implantationen in das Lukasevangelium modellhaft denken. Auf eine Ebene historischer Fakten wird man hinsichtlich der Abhängigkeitsverhältnisse aber kaum kommen können. Selbst die Markuspriorität, so plausibel sie auch den meisten Exegeten der Gegenwart erscheinen mag, ist schließlich ebenso wenig ein gesichertes Datum wie die Existenz einer Logienquelle (Q). Die Markuspriorität kommt wie die hypothetisch angenommene Logienquelle „Q“ auch nicht über den Status einer modellbezogenen Hypothese hinaus. Denken wir aber einen Moment lang im Rahmen der Benutzungshypothese von Anton Friedrich Büsching, 5 einem Vorläufer der so genannten Griesbach-Hypothese aus dem 18. Jh., die Markus abhängig von Matthäus und Lukas am Werke sieht, aber - anders als später Griesbach, dessen Hypothese weiter unten vorgestellt wird - von der Lukaspriorität ausgeht, dann wissen wir in keiner Weise, ob Lukas aus den Erzählungen der Ereignisse zitiert hat, die er kannte. Was wir aber aus Lk 1,1-4 sicher erfahren ist, dass die Lukas bekannten Erzählungen nicht übereinstimmten und ihre Verschiedenheit Lukas zufolge eine Unsicherheit erzeugt, gegen die er mit seiner geprüften Erzählung einschreitet, um Sicherheit durch das Abfassen einer eigenen geprüften, stimmigen Erzählung zu schaffen. Der römische Kaufmann und Reeder Markion (ca 85-160) geht - so die geläufige Hypothese - anders vor als Lukas. Er wählt aus dem großen Angebot 5 Vgl. dazu A.F. Büsching, Die vier Evangelisten, mit ihren eigenen Worten zusammengesetzt, auch mit hinlänglichen Erklärungen versehen, Hamburg 1766. Mehr oder weniger plausible Hypothesen 11 der Erzählungen eine aus - das Lukasevangelium, das er als einzig gültige Erzählung des Evangeliums Jesu Christi gelten lässt. In gewisser Hinsicht folgt Markion also dem Anspruch des Lukasevangeliums, die eine, geprüfte, zuverlässige Geschichte zu erzählen. Er belässt es aber nicht bei der Festlegung auf das eine - lukanische - Evangelium, sondern verändert es so, wie er es theologisch braucht. Ganz anders argumentiert Matthias Klinghardt 6 mit seiner Hypothese, das Lukasevangelium sei ein überarbeitetes Evangelium des Markion und nicht, wie zumeist angenommen, das Evangelium des Markion ein gekürztes Lukasevangelium; sicherlich auch eine interessante Hypothese, die zumindest zeigt, auf welchen tönernen Füßen die ganze Frage nach der Genese der Evangelien und ihrer literaturgeschichtlichen Beziehungen untereinander steht. Der Syrer Tatian (110-185) wählt eine dritte Strategie, die eine Auswahl trifft und den Plural der ausgewählten Evangelien in eine Evangelienharmonie überführt. Dabei hält er sich vornehmlich an die Evangelien des Matthäus, Lukas, Markus und Johannes, lässt aber auch Episoden anderer Evangelien in sein Diatessaron einfließen, das zu dem einen Evangelienbuch der syrischen Kirchen wurde. 7 Diese drei unterschiedlichen Strategien - Neuproduktion, Auswahl, Harmonisierung - arbeiten sich allesamt an der als problematisch empfundenen Polyphonie verschiedener Evangelienerzählungen ab und führen zu höchst unterschiedlichen Ergebnissen, die aber ihr Ziel der Etablierung einer einzigen, Wahrheit garantierenden Evangelienschrift allesamt verfehlen. Aus der angestrebten Klarheit und Sicherheit, die auf die Einheit unter den Christianern zielten, erwuchsen noch mehr widersprüchliche und gegeneinander feindselige Ausprägungen christlicher Gemeinschaften - ein gefundenes Fressen für die Polemik gegen die christliche Lehre von solchen, die sie als dummen und schädlichen Aberglauben einschätzten. 2. Origenes contra Celsus Die überlieferte Polemik, gegen die sich im Imperium Romanum schon im 1. Jh. n. Chr. und dann zunehmend im 2. und 3. Jh. ausbreitenden Versammlungen der Christusanhänger diffamierte deren Vorstellungen als wirren Aberglauben. 6 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien I: Untersuchung, II. Rekonstruktion, Übersetzung, Varianten, TANZ 60/ 1-2, Tübingen 2015. 7 Vgl. dazu: A.A. Hobson, The Diatessaron of Tatian and the Synoptic Problem, Chicago 1904; H. Koester, Ancient Christian Gospels: Their History and Development. Philadelphia / London 1990, 422-428. 12 Stefan Alkier Der berühmte Brief des Plinius (ca. 61-115) an Kaiser Trajan (Regierungszeit 98-117) zeigt zudem, dass man sich zunächst nicht die Mühe machte, die Schriften dieses Aberglaubens zu studieren, sondern ihre Lehren mündlich und wenn nötig auch durch Folter erfahren wollte. 8 Aber noch im 2. Jh. n. Chr. beginnt auch eine gelehrte Auseinandersetzung, die die Schriften, auf die sich die Christianer beziehen, zur Kenntnis nimmt und sie in polemischer Absicht kritisiert. Die erhaltenen Schriften Justins bezeugen, dass das Für und Wider der christlichen Lehre auch zu einem Streit der Intellektuellen wird, in dem Justin mittels einer Strategie der Harmonisierung vornehmlich der drei Evangelien des Mt, Lk und Mk auf den Einwand der Widersprüchlichkeit reagiert und mit dieser Strategie seinen Schüler Tatian zu dessen Diatessaron anleitete, das Tatian dann aber wohl eigenständig und mit mehr Evangelien, als es Justin lieb sein konnte, erarbeitete. Auch der griechische Philosoph Kelsos (lat. Celsus ) aus der 2. Hälfte des 2. Jh.s n. Chr. wollte mit seiner Schrift „Wahre Lehre“ - die erste bekannte literarische Auseinandersetzung mit christlichem Gedankengut - die Irrationalität der christlichen Lehre erweisen. Eines der Hauptargumente seiner Polemik war die Widersprüchlichkeit nicht nur der verschiedenen Schriften, sondern auch die fehlende Übereinstimmung verschiedener Textfassungen, die kursierten. Diese literar- und textkritischen Argumente des Kelsos bezeugen dessen intensives Studium christlicher Schriften. Seine Argumente waren gerade deshalb eine große Herausforderung, weil sie nicht nur auf Hörensagen beruhten, sondern auf der Basis eines eigenen Quellenstudiums vorgetragen wurden. Erst Origenes 9 fand die intellektuelle Kraft, eine ausführliche Entgegnung auf die gelehrte Polemik des Kelsos zu verfassen, die mit dazu beitrug, dass Origenes eine tragfähige Hermeneutik der Interpretation der Schriften erarbeitete, die bis heute nicht nur in den orthodoxen Kirchen rezipiert wird. Origenes leugnet die mit Widersprüchen behaftete Diversität christlicher Schriften nicht, sondern versucht durch methodische, hermeneutische und normative Überlegungen die Komplexität zu reduzieren, ohne den Plural zwanghaft in einen Singular zu überführen. Das Ergebnis ist ein qualifizierter Plural, der mittels einer Hermeneutik des mehrfachen Schriftsinns beherrschbar wird. Diese Arbeit der Komplexitätsreduktion führt er kanontheologisch, textkritisch, komparativ und hermeneutisch durch. 8 Plinius, Epistulae, X, 96.9. 9 Vgl. zu Origenes D.L. Dungan, A History of the Synoptic Problem. The Canon, the Text, the Composition and the Interpretation of the Gospels, The Anchor Yale Bible Reference Library, New Haven / London 2009, 65-88. Mehr oder weniger plausible Hypothesen 13 Origenes beschränkt die Vielfalt der kursierenden Evangelien auf vier, denen er normativen Charakter zuspricht. Seiner ersten Homilie zum Lukasevangelium stellt er voran: „Die Kirche hat vier Evangelien, die Häresie viele“. 10 Sein explizites Argument der Auswahl ist der durch Tradition etablierte Gebrauch dieser vier Evangelien: „Auf Grund der Überlieferung habe ich bezüglich der vier Evangelien, welche allein ohne Widerspruch in der Kirche Gottes, soweit sie sich unter dem Himmel ausbreitet, angenommen werden, erfahren: Zuerst wurde das Evangelium nach Matthäus, dem früheren Zöllner und späteren Apostel Jesu Christi, für die Gläubigen aus dem Judentum in hebräischer Sprache geschrieben, als zweites das Evangelium nach Markus, den Petrus hierfür unterwiesen hatte […]. Als drittes wurde geschrieben das Evangelium nach Lukas, der es nach Approbation durch Paulus an die Gläubigen aus der Heidenwelt richtete, zuletzt das Evangelium nach Johannes“. 11 Da diese vier Evangelien aber in verschiedenen Versionen im Umlauf sind, bemüht er Verfahren der Textkritik, um diese Unsicherheit der Lesarten zumindest zu beschränken. 12 Origenes immense Arbeit am Buchstaben führt ihn weder zu einer Harmonisierung der referentiellen Differenzen der Evangelien noch zu einer Hypothese über literarische Abhängigkeiten untereinander. Vielmehr bemüht er ein pneumatologisch-auktoriales Erklärungsmodell: Der Wahrheitsgarant der Evangelien ist der Heilige Geist, der Widersprüche zwischen den Evangelien auf der Ebene historischer Referenz als didaktisches Mittel, als Schulung der aufmerksamen Lektüre eingesetzt habe. Seine Leitthese lautet: Was offensichtlich in einen referentiellen Widerspruch geraten lässt, muss symbolisch interpretiert werden. 13 10 Origenes, In Lucam Homiliae. Homilien zum Lukasevangelium, Lat., Gr., Dt., 1. Tlb., übers. u. eingel. v. H.-J. Sieben, Fontes Christiani 4/ 1, Freiburg u. a. 1991, 62: „Ecclesia quatuor habet evangelia, haeresis plurima“. Übers. oben S. Alkier. 11 Origenes zit. nach Eusebius von Cäsarea, Kirchengeschichte, hg. u. eingel. v. H. Kraft, Übers. von P. Haeuser neu durchges. v. H. A. Gärtner, 3. unveränderten Aufl. Darmstadt 1989, Buch 6,25.4ff. 12 Vgl. Origenes Werke, Matthäuserklärung, hg.v. E. Klostermann, Leipzig 1935, 10: 387f. 13 Origenes, Commentary on John 10.4, ANF 10: 383: „Whoever thinks the writing of these four (Gospels) is (just literal) history, or a representation of real things through historical imagies, and who supposes God to (literally) be within certain limits in space, and to be unable to present to several versions in different places several versions of Himself at the same time […] (will find) it impossible (to maintain) that our four writers are writing the truth.” Englische Übersetzung D.L. Dungan, History, ebd., 85. 14 Stefan Alkier 3. Augustin contra Porphyrios Die Polemik des Kelsos gegen die christliche Lehre, ihre schriftlichen Grundlagen und ihre Praxis ist wohl die berühmteste, sie ist aber keineswegs die einzige geblieben. Die Fragmente der Schrift des Porphyrios (ca. 233-305) „Contra Christianos“ , die Matthias Becker in einer vorzüglichen Ausgabe neu gesammelt, übersetzt und mit Anmerkungen versehen hat, lassen erkennen, dass er insbesondere mit Schriften des Alten und Neuen Testaments so vertraut war, dass dies nur mit einem intensiven Bibelstudium erklärt werden kann. Die Kirchengeschichte des Euseb von Cäsarea (ca. 260-340) hatte nicht zuletzt die Aufgabe, angesichts der von Porphyrios aufgezeigten Widersprüche und Inkonsistenzen die Zuverlässigkeit der von den Christen im Gottesdienst verwendeten Schriften historisch zu beweisen. In diesem apologetischen Zusammenhang erarbeitete Euseb als Frucht seines komparativen Lesens der vier Evangelien eine Übersicht ihrer Übereinstimmungen, 14 die wohl auch Augustin (354-430) für seine Arbeit an der Evangelienharmonie benutzt hat. Euseb folgte insofern den Spuren des Origenes, als er dem qualifizierten Plural der vier Evangelien folgte und diese wie schon Papias, Irenäus und andere 15 als vier eigenständige Schriften begriff, die durch die unmittelbare bzw. mittelbare Augenzeugenschaft der menschlichen Verfasser und durch das göttliche Einwirken des Heiligen Geistes autorisiert seien. Augustin hingegen ging einen anderen Weg. Er akzeptierte die aufgewiesenen Differenzen nicht, sondern suchte sie durch seine Evangelienharmonie auf litteraler Ebene zu erklären. Dazu bediente er sich einer Unterscheidung verschiedener Ordnungen, nämlich der von Erzählung und Geschichte . Die Geschichte, die die Evangelisten erzählen, sei eine, nur die Art und Weise, wie sie die diversen Episoden dieser Geschichte in ihrer Erzählung anordnen, sei verschieden. Die Komposition der Evangelien folge nicht der Reihenfolge der historischen Abläufe, sondern der jeweiligen Anordnung in ihrer Erzählung. 16 Die Unterschiede in der wörtlichen Gestaltung gleicher Ereignisse erklärt er mit der Differenz von göttlicher und menschlicher Sprache, denn seine sprachphilosophischen und semiotischen Reflexionen ermöglichten ihm die Einsicht, 14 Der Brief des Euseb mit den Canones ist abgedruckt in Nestle - Aland, Novum Testamentum Graece, 28. Aufl., S. 47-52. 15 Vgl. zu den ältesten biographischen Notizen zu den Evangelisten S. Alkier, Die fantastischen Vier. Was kann man über die Evangelisten wissen? , WUB 2/ 2014, 6-11. 16 St. Augustin: The Harmony of the Gospels, transl. by Rev. S.D.F.Salmond, D.D.,ed., with Notes and Introduction, by Rev. M.B. Riddle, D.D., 1.3., 132: „these […] had one order determined among them with regards to the matters of their personal knowledge and their preaching [of the gospel] but a different order in reference to the task of giving the written narrative“. Mehr oder weniger plausible Hypothesen 15 dass auch die Bibel den semiotischen Bedingungen menschlicher Sprache unterliegt und der Buchstabe der Bibel nicht mit dem Wort Gottes selbst verwechselt werden darf. Die intensive komparative Arbeit an den Evangelien führte Augustin zu einer erstaunlichen Neuerung in der Erklärung der wörtlichen Übereinstimmungen der Evangelien, die mit der Tradition von Papias über Irenäus über Origenes bis hin zu Euseb von Cäsarea bricht: Augustin ist wohl der erste, der eine literarische Abhängigkeit der Evangelien postuliert und damit zum exegetischen Begründer des Denkens in Benutzungshypothesen wird. Zunächst behauptet er nur, die wörtlichen Übereinstimmungen zwischen Markus und Matthäus seien teilweise so groß, dass Markus das Matthäusevangelium zur Vorlage gehabt haben müsse, dieses aber kürzte. 17 Die These, Markus sei der Epitomator des Matthäus, gilt bis in heutige Literatur hinein als die Hypothese Augustins. Dass aber Augustin seine Position im Laufe seiner Studien ausbaute und Markus nicht nur Matthäus, sondern auch Lukas vor sich liegen hatte, geriet in Vergessenheit. 18 Augustin nimmt damit die Hypothese von Henry Owen bzw. von Johann Jakob Griesbach vorweg, Markus habe als Vorlage das Matthäusevangelium genutzt, aber auch Material aus dem Lukasevangelium eingebaut. Aber nicht diese veränderte Position des Augustin, sondern seine erste Fassung der Hypothese von der literarischen Abhängigkeit des Markus nur von 17 Vgl. St. Augustin: The Harmony, 1.4., 132. 18 Ebd., 4.10.11., 400 f., Kursivierung hinzugefügt: „John remains, between whom and others there is left no comparison to be instituted. For, however the evangelists may each have reported some matters which are not recorded by the others, it will be hard to prove that any question involving real discrepancy arises out of these. Thus, too, it is a clearly admitted position that the first three - namely, Matthew, Mark, and Luke - have occupied themselves with the humanity of the Lord Jesus Christ, according to which He is both king and priest. And in this way, Mark, who seems to answer to the figure of the man in the well-known mystical symbol of the four living creatures, either appears to be preferentially the companion of Matthew, as he narrates a larger number of matters in unison with him than with the rest, and therein acts in due harmony with the idea of the kingly character whose wont it is, as I have stated in the first book, to be not unaccompanied by attendants; or lese, in accordance with the more probable account of the matter, he holds a course in conjunction with both [the other Synoptists]. For although he is at one with Matthew in the larger numbers of passages, he is nevertheless at one rather with Luke in some others . And this very fact shows him to stand related at once to the lion and to the steer, that is to say, to the kingly office which Matthew emphasizes, and to the sacerdotal which Luke introduces, wherein also Christ appears distinctively as man, as the figure of which Mark sustains stands related to both these On the other hand, Christ’s divinity, in virtue of which He is equal to the Father, in accordance with which He is the Word, and God with God, and the Word that was made flesh in order to dwell among us, in accordance which also He and the Father are one, has been taken specially in hand by John with a view to its recommendation to our minds. Like an eagle, he abides among Christ’s sayings of the sublime order, and in no way descends to earth but on rare occasions.” 16 Stefan Alkier Matthäus wurde als die Position Augustins überliefert. Dieser Sachverhalt ist umso erstaunlicher, als sich die Evangelienharmonie des Augustin weitgehend durchsetzte und trotz vielfältiger weiterer Evangelienharmonien 19 dieses Genre exegetischer Apologie so sehr bestimmte, dass auch noch Martin Luther das Verhältnis der Evangelisten mit Rekurs auf Augustin gar nicht als Problem empfand. 20 Dass die Kirchenväter aber uneins in der Auffassung der Produktionsgeschichte dieser vier Evangelien waren, beunruhigte schon in den zahlreichen Evangelienharmonien des Mittelalters nicht mehr. 21 Fassen wir zusammen: Die ältere Tradition von Papias über Irenäus, Origens und Euseb von Cäsarea betrachtete die vier Evangelien als literarisch unabhängig voneinander entstandene Zeugnisse. Matthäus und Johannes galten als unmittelbare Augenzeugen, Lukas und Markus als mittelbare. Ihre Gemeinsamkeiten wurden mit der historischen Referenz derselben von ihnen bezeugten Ereigniskette und ihrer - unmittelbaren bzw. mittelbaren - Unterweisung durch Jesus 22 erklärt und mit der Einwirkung des Heiligen Geistes auf die Verfasser dieser Evangelien untermauert. Die Unterschiede wurden der Perspektivität und Begrenztheit menschlicher Verfasser zugeschrieben. Die spätere Auffassung beginnt erst bei Augustin. Er bildet den Anfang aller Benutzungshypothesen. Diese beiden Erklärungsansätze stehen aber nicht einfach nebeneinander, vielmehr wirkt die frühere Erklärung der literarisch unab- 19 Vgl. C. Burger / A.A. den Hollander / U. Schmid (Hg.), Evangelienharmonien des Mittelalters, STAR 9, Assen 2004; D. Wünsch, Evangelienharmonien im Reformationszeitalter. Ein Beitrag zur Geschichte der Leben-Jesu-Darstellungen, Arbeiten zur Kirchengeschichte 52, Berlin / New York 1983; B. Köster, Evangelienharmonien im frühen Pietismus, ZKG 103 (1992), 195-225; A.F. Büsching, Die vier Evangelisten, ebd.; F. Watson, Gospel Writing. A Canonical Perspective, Grand Rapids, Michigan / Cambridge 2013, 13-61. 20 M. Luther, Sermons on the Gospel of St. John Chapters 1-4, in: Luther’s Works, ed. J. Pelikan, vol. 22, Saint Louis: Concordia 1957, 218: „The evangelists do not all observe the same chronological order. The one may place an event at an earlier, the other at a later time […]. Be that as it may, whether it happened sooner or later, whether it happened once or twice, this will not prejudice our faith“. 21 Allerdings wären hier systematische Untersuchen interessant, die dieses Bild auch verändern könnten, denn unter dem Titel der Harmonien wurden durchaus interessante exegetische Überlegungen vorgetragen. Vgl. die Literatur dazu oben, Anm. 19. Der Siegeszug historisch-kritischer Hermeneutik hat ironischer Weise als Nebeneffekt eine weitgehende forschungsgeschichtliche Ignoranz mit sich gebracht. Ganz ungeschichtlich gedacht wird die Exegese vor dem Siegeszug historisch-kritischer Exegese kaum noch gelesen. Dazu gibt es eine ebenso unglückliche Parallele in der philosophischen Forschung. Philosophie vor Kant scheint heute nur Wenige zu interessieren. Ich bin sicher, dass sich das schon bald ändern wird, denn in den exegetischen wie in den philosophischen Ansätzen des Mittelalters und der frühen Neuzeit liegen enorme Schätze, die es lohnt, dem selbstgefälligen Vergessen zu entziehen. 22 Vgl. 1 Clem 42,1-5. Mehr oder weniger plausible Hypothesen 17 hängigen Abfassung der vier Evangelien auf die Benutzungshypothesen weiter ein. Dass Augustin Matthäus vor Markus schreiben lässt, liegt nicht zuletzt daran, dass Matthäus als unmittelbarer apostolischer Augenzeuge galt, Markus aber nur als mittelbarer. Johannes bleibt auch bei Augustin ein eigenständig schreibender Apostel. Damit konnte größtmögliche historische Sicherheit erzeugt und garantiert werden, denn die apostolischen Augenzeugen Matthäus und Johannes schrieben demzufolge unabhängig voneinander! Beide Erklärungsweisen der Entstehung der vier Evangelien treffen sich aber vor allem darin, dass letztlich die Wahrheit des auf verschiedene Weise Erzählten durch die Differenzen nicht gefährdet sei. Letztendlich sprechen die vier Evangelien mit einer Stimme. 4. Von der Klarheit der Schrift zur Klarheit der Kritik Der für die Geschichte der Bibelauslegung kaum zu überschätzende Impuls der reformatorischen Schriftlehre im Zeichen von sola scriptura kann wohl nur im Zusammenhang mit der im Italien des 15. Jh.s einsetzenden Renaissance begriffen werden. Die vielfältige Bewegung der Renaissance traf sich nicht nur in der Hinwendung zu griechischer und römischer Literatur und Kunst der Antike. Durch den ästhetischen Genuss daran beurteilte sie auch die Fähigkeiten des Menschen neu. Sie generierte damit einen Humanismus, der die Bejahung von Lebensfreude, Kreativität und intellektuellen Fähigkeiten nachhaltig beförderte. In diese Bewegung hinein gehört aber nicht nur Luthers Überzeugung von der Klarheit der Schrift, sondern ebenso das Begehren, nicht länger eine Übersetzung zu lesen - die Vulgata -, sondern die biblischen Schriften in den Originalsprachen ihrer Quellen. Mit der Herausgabe eines griechischen Neuen Testaments durch Erasmus von Rotterdam (1466? -1536) und der Begründung der Hebraistik durch Reuchlin (1455-1522) erhielt Luthers Schriftauffassung so große Schubkraft, dass sie sich schnell weit über Wittenberg hinaus ausbreiten konnte und schließlich nicht nur die Geschichte der Bibelauslegung maßgeblich bestimmte. In der Tradition der mittelalterlichen Kanondiskussionen, in denen es vor allem um die formale Begründung der Autorität der Schriften ging, die als kanonisch galten bzw. gelten sollten, gab es immer auch kritische Anfragen an die Verfasserschaft einzelner Schriften und sogar der einzelner Perikopen. Ohne diese Diskussionen wären die kanonkritischen Äußerungen in der Reformationszeit und die Etablierung eines ganz neuen Designs des biblischen Kanons durch Luther nicht möglich gewesen. Karlstadt hatte in diesem Zusammenhang 18 Stefan Alkier bereits den Schluss des Markusevangeliums (Mk 16,9-20) als sekundär erwiesen und ihn für nicht kanonisch erklärt. 23 Dass Luther mit seiner radikalen Differenz zwischen Schrift und Auslegungstradition aber nicht auf einen Traditionsabbruch zielte, wird etwa daran offensichtlich, dass er das Verhältnis der kanonischen Evangelien mit Augustins Evangelienharmonie bedenkt. Luther negiert gerade nicht die Tradition als solche, sondern ihre Vorrangstellung gegenüber der Schrift. 24 Radikaler formuliert kann man sagen, Luthers semiotisch-hermeneutische Einsicht besteht darin, dass die Zeichen ihrer Auslegung nicht nur zeitlich vorgeordnet sind, sondern ihre Potentialität jeder einzelnen Aktualisierung in konkreten Interpretation überlegen bleibt, oder einfach ausgedrückt: Die Schrift ist immer reicher als nur eine ihrer Auslegungen. Luther war froh über die griechische Ausgabe des Neuen Testaments durch Erasmus. Ihre massiven philologischen Mängel störten ihn nicht. Das protestantische Paradoxon, das schließlich zur historischen Bibelkritik führt, die mehr mit Celsus und Porphyrios gemeinsam hat, als mit Origens und Augustin, besteht darin, dass die auf dem geistesgeschichtlichen Boden des Humanismus entstandene Überzeugung von der Klarheit der Schrift eine immense philologische und historische Arbeit an den biblischen Texten erzeugte, die aber schließlich ihren Grundimpuls nahezu vernichtete: Aus dem Zusammenklang der Evangelienharmonie wird das synoptische Problem, in dem sich die Quellen wieder trüben. Immerhin zeigt die Antwort des Konzils von Trient (1545-1563) auf die institutionenkritische Herausforderung des reformatorischen Schriftverständnisses, dass die Autorität der Schrift damit eine Stärkung erfuhr. Aber dem humanistischen Primat der ursprünglichen Quellen wird eine deutliche Absage erteilt. Bestätigt wird vielmehr die autoritative Geltung der lateinischen Übersetzung, wie es auf dem Konzil von Basel / Ferrara beschlossen wurde. Die römisch-katholische Kirche verkannte das Potential der Textkritik und auch der Literar- 23 Vgl. B. Lohse, Die Entscheidung der lutherischen Reformation über den Umfang des alttestamentlichen Kanons, in: Verbindliches Zeugnis I. Kanon - Schrift - Tradition, hg. v. W. Pannenberg / T. Schneider, Dialog der Kirchen 7, Freiburg i. Br. / Göttingen 1992, 182. Dass aber das als kanonisch Geltende im harmonischen Zusammenklang als Quelle der Offenbarung Gottes dient, war unstrittig. Gerade deswegen wollte Luther ja die Schriften nicht im Kanon wissen, die ihm zufolge diese Harmonie stören: Hebräerbrief, Judasbrief, 2. Petrusbrief und die Johannesoffenbarung. Vgl. S. Alkier, Der christliche Kanon als Quelle der Offenbarung. Theologiegeschichtliche Anmerkungen zu einem aktuellen Thema, in: Relationen - Studien zum Übergang vom Spätmittelalter zur Reformation, FS K.-H. zur Mühlen, hg. v. A. Lexutt / W. Matz, AHSTh 1, Münster 2000, 115-138. 24 Vgl. Luther, Assertio, WA 7,100: „Non tamen per haec, sanctis patribus volo detractam auctoritatem“. Mehr oder weniger plausible Hypothesen 19 kritik, obwohl man gerade damit die zunehmende dogmatische Verfestigung des ehemals methodischen Prinzips von sola scriptura hätte herausfordern können, wie es dann im 17. Jh. Richard Simon (1638-1712) so glänzend und vielfach innovativ praktizierte und damit sogar zum Vorreiter historisch-kritischer Exegese im 18. Jahrhundert wurde. 25 Die Auseinandersetzung zwischen den rivalisierenden Konfessionen wurden aber spätestens im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) nicht mehr mit Argumenten und Disputationen ausgetragen, sondern unter Waffen und von Anfang an im Zeichen der Vermischung theologischer und machtpolitischer Konflikte und Interessen. Im Namen des rechten christlichen Glaubens wurde von allen beteiligten Konfessionen unbarmherzig gemordet und gelogen. Auf diesem Hintergrund wird verständlich, wieviel Aufsehen John Toland (1670-1722) mit seinen Veröffentlichungen zu apokryphen Texten erlangte, die er mit einer rationalistischen Bibelkritik kombinierte, die sich seiner Bewunderung für Baruch de Spinoza und John Locke verdankte. Mit seinem Buch, „Nazarenus; or Jewish, Gentile, and Mahometan Christianity“ , in dem er behaupte, das von ihm in Amsterdam aufgefundene „Evangelium des Barnabas“ sei das originale Evangelium, regte er historische Untersuchungen der Evangelien an, die die in Frage Stellung ihrer Autorität als gültige und verlässliche Quellen beantworten sollten. So krude auch Tolands Ausführungen sind, so müssen sie doch als ein Prototyp der außersynoptischen Urevangeliumshypothese gelten. Damit aber war die historische Frage nach der Entstehung der Evangelien zum Problem geworden, das ein großes Potential der Verunsicherung der Glaubenden in sich trug. 5. Henry Owen Auf diese Verunsicherung geht der Untertitel einer besonders sorgfältigen Studie zu der historischen Frage nach den literarischen Abhängigkeitsverhältnissen 25 Johann Salomo Semler, der einflussreichste Begründer historisch-kritischer Exegese im 18. Jh., stützte sich für seine Arbeit am Alten Testament maßgeblich auf Richard Simon: J.G. Eichhorn, Johann Salomo Semler, in: Allgemeine Bibliothek der biblischen Litteratur, 5. Bd. 1. Stück, Leipzig 1793, 1-183, hier 86 f.: Semler „trug […] wiederholt die historischen Momente vor, welche der Kritik des A.T. zur Unterlage dienen müssen […]. Doch hatte er über alle diese Punkte wenig Eigenthümliches, sondern vertraute sich bey ihrer Erörterung ganz der Leitung des vortrefflichen, über sein Jahrhundert weit erhabenem Richard Simon, mit dessen Hülfe er durch die Schranken brach, mit welchen die bis dahin die christlichen Rabbinen das A. T. umschlossen hielten. Gieng er gleich über seinen Führer nicht hinaus, so half er doch durch seinen Beytritt seiner lang genug verschmähten guten Sache fort“. 20 Stefan Alkier der kanonischen Evangelien ein, die aus der Feder des Rector of St. Olave in Hart-Street and Fellow of the Royal Society stammt: Henry Owen (1716-1795). Seine Studie „Obersavations on the Four Gospels; Tending Chiefly to ascertain the Times of their Publication, and to illustrate the Form and Manner of their Composition“ , die 1764 in London erschien, nimmt die beiden Leitthesen vorweg, die später mit dem Namen Johann Jakob Griesbachs verknüpft wurden. Owen zufolge schreiben die Evangelisten mit Blick auf ihre Rezipienten. Er folgt der altkirchlichen Tradition, die das Matthäusevangelium als erste Abfassung ansetzen und kombiniert diese Tradition mit seiner Version der innersynoptischen Benutzungshypothese, nach der Lukas Matthäus benutzt und modifiziert habe. 26 Das Markusevangelium wurde Owen zufolge danach auf Bitten der römischen Gemeinde geschrieben, die eine „History for their use and instruction“ benötigten. „I say such a History. For the Gospel he wrote at their request is evidently a simple compendious narrative, divested of almost all peculiarities, and accomodated to general use. In compiling this narrative, he had but little more to do, it seems, than to abridge the Gospels which lay before him - varying some expressions, and insering some additions, as occasion required. That St. Mark followed this plan, no one can doubt, who compares his Gospel with those of the two former Evangelists. He copies largely from both: and takes either the one almost perpetually for his guide. The order indeed is his own, and is very close and well connected. In his account of facts he is also clear, exact, and critical; and the more so perhaps, as he wrote it for the perusal of a learned and critical people“. 27 Owen belegt seine Ausführungen mit synoptischen Tafeln, die er als „Examples“ der literarischen Abhängigkeitsverhältnisse präsentiert. 28 Dieses vergleichende Verfahren betrachtet er voller Stolz als objektive Innovation einer kritischen Bibelwissenschaft, die aber nicht etwa der Destruktion des Kanons eines John Tolands verpflichtet ist, sondern die Klarheit und Kritik der biblischen Schriftsteller, insbesondere des Markus zum Vorbild nimmt. Für Owen harmonisieren die Klarheit der Schrift und die Klarheit kritischer Schriftauslegung miteinander: „There is a new field of Criticism opened, where the learned may usefully employ their abilities in comparing the several Gospels together and raising observations from that comparative way“. 29 26 Vgl. H. Owen, Obersavations on the Four Gospels; Tending Chiefly to ascertain the Times of their Publication, and to illustrate the Form and Manner of their Composition, London 1764, 27. 27 Ebd., 51 f. 28 Ebd., 53-72. 29 Vgl. Ebd., VI. Mehr oder weniger plausible Hypothesen 21 6. Jenseits der Harmonie: Johann Salomo Semler Suchte Owen mit seinem kritischen Ansatz nach einer intelligenten Harmonie zwischen Bibel, Tradition und historischer Auslegung, so ist sein Zeitgenosse Johann Salomo Semler (1725-1791) der radikalste Vertreter eines Programms kompromissloser Deharmonisierung. Semler setzt auf die Polyphonie der Christenheit von den Anfängen an bis hin zur Gegenwart. Er lehrt Diversität und sogar Differenz zu schätzen. Aus seiner Autobiographie wird ersichtlich, dass er diese Wertschätzung der Verschiedenheit und das Ideal der gegenseitigen Akzeptanz verschiedener Weisen der Gottesverehrung als Antwort auf die verheerenden Konfessionskriege begreift. Semler schildert eindrucksvoll, dass noch zu seinen Lebzeiten insbesondere die Narben des Dreißigjährigen Krieges auf seinen Spaziergängen sichtbar sind. 30 Sie sind ihm Warnzeichen einseitiger und intoleranter Wahrheitsansprüche. Mit diesem Paradigmenwechsel weg von harmonistischer Monologisierung hin zu einer Akzeptanz von Diversität und Differenz hatte er, der Ideengeber Gotthold Ephraim Lessings (1729-1781) 31 und der akademische Lehrer Johann Jakob Griesbachs (1745-1812), größten Einfluss nicht nur auf die Generierung des synoptischen Problems, sondern auf die Formatierung und Etablierung historisch-kritischer Hermeneutik und Exegese überhaupt. 32 Er ist überzeugt: „Die heilige Schrift besteht aus mehrern Büchern, welche nicht zu einer und derselben Zeit, also auch nicht von einerley Verfassern, unter einerley Umständen, geschrieben sind, auch selbst nicht zu allen Zeiten unter einen und denselben Umständen gefunden werden“. 33 Semlers Neubewertung der Differenzen der biblischen Bücher führt ihn nicht nur zur konsequenten Dekanonisierung biblischer Schriften, sondern zur Verabschiedung der Idealisierung des anfänglichen Christentums überhaupt. 34 Die Entstehung der Evangelienliteratur, wie sie Semler nachzuzeichnen sucht, ist Spiegel der Polyphonie und Lokalität „christlicher Religion“: „Alle die vier noch vorhandenen Evangelien gehen (wie Johannes von dem seinigen ausdrücklich sagt) darauf aus, mittelst der äußeren Geschichte Jesus zu beweisen, daß 30 Vgl. J.S. Semler, Lebensbeschreibung von ihm selbst abgefaßt I, Halle 1781. 31 Vgl. dazu S. Alkier, Urchristentum, Zur Geschichte und Theologie einer exegetischen Disziplin, Tübingen 1993, 89-98. 32 Vgl. Eichhorn, Johann Salomo Semler, 1 f. 33 Semler, Versuch einer nähern Anleitung zu nützlichem Fleiße in der ganzen Gottesgelehrsamkeit, Halle 1757, 175. 34 Vgl. dazu S. Alkier, 21-45 22 Stefan Alkier er der erwartete Meßias sey […] Es waren Evangelien für Juden […] keine Evangelien für Heiden-Christen“. 35 Semler generiert mit seinem Modell der Polyphonie seine Fragmentenhypothese , die sein Enkelschüler Johann Gottfried Eichhorn wie folgt zusammenfasst: „Einzelne schriftliche Materialien zu Lebensbeschreibungen Christi waren früher vorhanden, als unsere Evangelien; und letztere wurden späterhin aus den erstern blos zusammengesetzt“. 36 „Nur Johannes schrieb sein Evangelium als ein freyer unabhängiger Schriftsteller und früher als die übrigen für ausländische Christen von minder ängstlichem Juden-Geist, denen es mehr um die Lehre, als um die Geschichte Christi zu thun war“. 37 „Bey solcher Verschiedenheit ihres Ursprungs und ihres Zwecks der bey ihnen genommenen Gesichtspunkte und der Gegenden ihrer Erscheinung konnten die Evangelien in der Zeit ihres Ursprungs unmöglich bey allen Gemeinen gleichen Beyfall und Eingang finden“. 38 Erst mit dem Sammeln verschiedener Schriften im Verlauf des 2. Jh.s beginnt nach Semler der konfliktreiche Zusammenschluss verschiedener Gemeinden zu größeren, aber stets regional begrenzten Gemeindeverbänden, die damit aber ihre innere Diversität keineswegs verlieren. Semler versucht, mit der Rekonstruktion der Kanongeschichte die Entstehung der katholischen Kirche nachzuzeichnen, die er als intolerante Machtgeschichte versteht, die auf die Beschneidung der angemessenen Diversität christlicher Religion zielte. Dabei entdeckt er das apologetische Interesse nicht nur des Papias, sondern sämtlicher Nachrichten über die Verfasser der Evangelien, 39 die letztlich deren Widersprüche glätten und harmonisieren wollten. Mit dem radikalen Misstrauen in die biographischen Nachrichten der altkirchlichen Traditionen über die Verfasser der Evangelien fällt aber auch die Selbstverständlichkeit, Matthäus gegenüber Markus und Lukas als das älteste Evangelium zu begreifen. Semler bietet mit seiner historischen Kritik an Papias die historiographische Voraussetzung der Hypothese der Markuspriorität, die er allerdings selbst nicht vertritt. Ihm ist nur wichtig, dass die Evangelisten unabhängig voneinander an verschiedenen Orten zu unterschiedlichen Zeiten an das jeweils lokale Publikum schreiben. Seine Vorliebe gilt aber eindeutig dem Johannesevangelium, das er auch frü- 35 Eichhorn, Johann Salomo Semler, 66 f. 36 Ebd., 68. 37 Ebd., 69. 38 Ebd., 66 f. 39 Semler, Theologische Briefe III, Leipzig 1782, 204. Mehr oder weniger plausible Hypothesen 23 her datiert 40 als die drei anderen kanonischen Evangelien, die aber unabhängig von Johannes mit der Hilfe ihnen vorliegender Fragmente ihre Evangelien zusammenstellten. Jedenfalls bilden nach Semler die Evangelien keine Harmonie, sondern eine Polyphonie lokaler verschiedener Stimmen mit einer jeweils begrenzten Reichweite. Das Alte wie das Neue Testament werden in Semlers revolutionärem Kanonverständnis nicht mehr als göttlich gegeben, sondern als historisch gewachsen aufgefasst. Den einzelnen Schriften des Neuen Testaments werden christliche Gruppen zugeordnet. Wie durch die ganze Kirchengeschichte bis hinein in seine Gegenwart sieht Semler auch schon im 1. Jahrhundert eine engere und eine offenere Auffassung der „christlichen Religion“ miteinander streiten. Auch wenn es immer wieder Versuche zu einem Ausgleich gab und gibt, so bleibt nach Semler dieser Antagonismus als Strukturprinzip unauflösbar. Demzufolge präsentieren die Evangelien die engere Geisteshaltung, die er dem „Judenchristentum“ unterstellt. Die paulinischen Briefe repräsentieren die offenere Haltung, die er als gnostisch-christlich begreift. Den Versuch des Ausgleichs der Antipoden ordnet er den katholischen Briefen zu. Diese antijudaistischen Zuschreibungen fügen sich auf den ersten Blick ganz in die hoch problematische Geschichte des Konzepts eines „Judenchristentums“ ein, die Hella Lemke 41 theologiegeschichtlich aufgezeigt hat. Allerdings arbeitet Semler gerade nicht mit einem Fortschrittsmodell. Vielmehr behalten die von ihm konstatierten grundlegenden Haltungen ihr jeweiliges Recht bis in Semlers Gegenwart hinein. Er sucht als Antwort auf die Konfessionskriege gerade keine Synthese, sondern die tolerante Akzeptanz der jeweils anders Denkenden und Glaubenden. Die historische Kritik dient dem Aufweis der theologischen Sachgemäßheit der Polyphonie christlicher Stimmen. Die Einsicht in die Diversität und Differenz des Frühchristentums erhält bei ihm normative Ansprüche, mit denen er für die Konfessionsfreiheit und Toleranz gegenüber jeder Auslegung christlichen Glaubens einsetzt, soweit die öffentliche Ordnung damit nicht gefährdet wird. Die wesensgemäße Zukunft des Christentums liegt nach Semler darin, den freien, von Diversität und Differenz geprägten Ursprung des Christentums als sein Konkretisierungsprinzip zu begreifen und der Freiheit der Privatreligion als individuelle Konkretisierung 40 Eichhorn, Johann Salomo Semler, 69. 41 H. Lemke, Judenchristentum. Zwischen Ausgrenzung und Integration. Zur Geschichte eines exegetischen Begriffes, Hamburger Theologische Studien 25, Münster 2001, 50: „Immer wieder erscheint die Aussage, daß das Judenchristentum ,naturgemäß‘, aufgrund seiner ,Eigenbrödelei und Schrulligkeit‘ oder seiner ,Verhaftung‘ mit dem Judentum verkümmern und absterben mußte. Das Judenchristentum sei eine einmalige und beschränkte Größe geblieben, da es durch den ,gottgewollten‘ Übergang der Verkündigung zu den Heiden aufgehoben worden sei“. Diese Auffassung vertritt Semler aber gerade nicht. 24 Stefan Alkier unter Wahrung der politischen Ordnung voll und ganz freien Lauf zu lassen. Das Wort Gottes als Offenbarung ewiger Wahrheit kann nicht an eine Ausdrucksform gebunden werden, sei es auch die der Heiligen Schrift oder der altkirchlichen Bekenntnisse. Das Wort Gottes kann nicht in der Gestalt von Buchstaben fixiert werden, es zielt vielmehr in seinen verschiedenen Ausformungen auf das individuelle Gewissen: Jesu „[…] einziger Hauptzwek war, die Menschen zu überzeugen, daß Gott ohne Anwendung der Seelenkräfte, ohne innere Ergebenheit gegen ihn und seine kentlichen Absichten, mit noch so vielen eignen äusserlichen Handlungen und noch so ernsthafter Genauigkeit darin, gar nicht gehörig verehret und geliebet heissen könne“. 42 Semlers Argumente, die er in zahlreichen Schriften und Detailstudien wortreich aber wenig systematisch publiziert hatte, wirkten so überzeugend, dass sich das polyphone und hoch diverse Bild der Christusanhänger im 1. Jh. weitgehend durchsetzte. 7. Die Reimarus-Fragmente Unter dem Eindruck von Semlers historisch-kritischen Forschungen und Differenzierungen veröffentlichte Lessing die Reimarusfragmente . Lessing erarbeitete auf der Basis der polyphonen Fragmententheorie Semlers auch seine eigene These vom „Evangelium der Nazarener“ 43 als hebräisch abgefasstes Urevangelium. Steht Semlers historisch-kritische Arbeit für die Akzeptanz radikaler Diversität des Christentums der ersten Jahrhunderte, so bringen die Reimarusfragmente eine ganz neue Dimension und polemische Schärfe in die Debatte um die Heilige Schrift ein: den Vorwurf des Betrugs und der Lüge. Erst dadurch wird Vielfalt zum Problem und die Hermeneutik des Verdachts zur Signatur historisch-kritischer Hermeneutik. Vielleicht reagierte Semler 44 gerade deswegen so scharf auf Reimarus, weil er wesentliche Punkte mit ihm teilte, diese aber völlig anders bewertete. Semler und Reimarus treffen sich in der Überzeugung, die kanonischen Evangelien seien im Geiste jüdischer Messianologie abgefasst. Sie treffen sich auch in der Wahrnehmung nicht harmonisierbarer Differenzen. Während Semler dies aber 42 Semler, Vorbereitung zur theologischen Hermeneutik zur weiteren Beförderung des Fleisses angehender Gottesgelehrten, Halle 1760, 82 f. 43 G.E. Lessing, Neue Hypothese über die Evangelien als blos menschliche Geschichtschreiber betrachtet, Wolfenbüttel 1778. 44 Semler, Beantwortung der Fragmente eines Ungenannten, Halle 1779. Mehr oder weniger plausible Hypothesen 25 mit der Unterscheidung von „Wort Gottes“ und „Heiliger Schrift“ als zu akzeptierende Verschiedenheit begreift, stehen die Ausführungen des Reimarus im Zeichen seiner Betrugshypothese . Es mag sein, dass eine Motivation Lessings zur Herausgabe der Reimarusfragmente der Konflikt zwischen den verwandten Positionen Semlers und des Reimarus war und er die Dringlichkeit nach öffentlicher Klärung dieses Disputs zweier kluger Köpfe verspürte. Dass er damit aber die Frage nach der Entstehung der Evangelien zu einem Politikum machte, förderte die Ausarbeitung diverser Hypothesenbildungen enorm. Erst jetzt wurde deutlich, wie bedrohlich das von nahezu allen theologisch Gebildeten akzeptierte 45 Ergebnis des desharmonisierten Geschichtsbildes Semlers war: Am Anfang des Christentums steht keine Harmonie, sondern radikale Differenz. Die kanonischen Schriften sind nicht das eine Wort Gottes, sondern menschlicher Ausdruck der Gottesverehrung in der Nachfolge Jesu Christi. Nicht einmal die Evangelien sind harmonisierbar. Der Kanon ist nicht verbal inspiriert, sondern ein höchst überflüssiges Machtinstrument der katholischen Kirche auf ihrem Weg zur römischen Staatsreligion. Woran sollte man noch glauben? Worauf konnte man sich noch verlassen? War alles nur Betrug? 8. Strategien der Reharmonisierung: Griesbachs Benutzungshypothese und Eichhorns Urevangeliumshypothese 8.1 Die innersynoptische Benutzungshypothese Griesbachs In diese Konfusion hinein versuchte der ebenso fleißige wie konservative Schüler Semlers, Johann Jakob Griesbach, verlässliche Ordnung zu bringen und zwar zunächst auf dem Gebiet der Textkritik. Die Erasmusausgabe des NT war längst durch bedeutende Innovationen überholt worden, aber trotz der so bedeutenden Neuausgaben war ihr Text immer noch im Gebrauch. Griesbach wagt es als erster, einen neuen Text zu drucken, der auf dem Kenntnisstand der Höhe der Zeit erarbeitet worden war. Auch Semler war intensiv auf dem Gebiet der Textkritik tätig. Er hatte weit über Wettstein hinaus, textkritische Varianten gesammelt, aber Systematisierung war nicht die Stärke Semlers, aber die seines Schülers Griesbach, der auch die Funde und Beobachtungen Semlers in seine 1774 erschienene Neuausgabe einarbeitete. Als unaufgeregte Alternative zur Fiktionalität der Betrugshypothese und dann auch als philologisch argumentierende Alternative zur romantischen Idee 45 Vgl. dazu Eichhorn, Johann Salomo Semler, 1-3. 26 Stefan Alkier des Urevangeliums erarbeitete Johann Jakob Griesbach seine Schrift „Commentatio, qua Marci Evangelium totum e Matthaei et Lucae commentariis decerptum esse monstratur“, Jena 1789/ 90. Griesbach knüpfte - bewußt oder unbewußt - an Henry Owen, „Observations on the four Gospels“ , an, ohne aber auf ihn hinzuweisen. Allerdings besaß er das Buch von Owen. Es könnte sogar sein, dass Griesbach Owen auf seiner Englandreise kennengelernt hatte. Die Ausarbeitung seiner Hypothese vollzog sich in mehreren Schritten: Zunächst erarbeitete er auf der Basis seiner kritischen Ausgabe des Neuen Testaments seine innovative Idee der Evangeliensynopse als Alternative zu den traditionellen Evangelienharmonien. Mit dieser neuen Form der Darstellung, die er 1776 erstmals publizierte, 46 zeigt er sich als so gelehriger wie kreativer Schüler Semlers, der nicht nur Interesse an Übereinstimmungen, sondern gleichermaßen an der Wahrnehmung von Differenzen hat. Die Anordnung seiner Synopse ist allerdings ebenso wenig objektiv wie die jeder anderen Synopse auch. Ihr liegt bereits Griesbachs innersynoptische Benutzungshypothese zu Grunde. Griesbachs Synopse stellt einen Meilenstein der Evangelieninterpretation dar. Begriffsgeschichtlich geht darauf die Bezeichnung der drei ersten Evangelien als „Synoptiker“ zurück. Mit seiner Benutzungshypothese arbeitet er dann mehr implizit als explizit in seiner 1783 erschienen Abhandlung über die Widersprüche der Erzählungen von der Auferweckung Jesu Christi. 47 In dieser Schrift wird schon deutlich, dass Griesbach seinem Lehrer Semler nicht in allen Punkten folgt. Keinesfalls ist er mit dem Aufweis von Diversität und Differenz zufrieden. Er möchte anders als Semler die historische Zuverlässigkeit der Auferweckungserzählungen beweisen. Die Apologie der historischen Zuverlässigkeit der Evangelischen Geschichte ist auch für Griesbach im Gegensatz zu seinem Lehrer Semler der eigentliche Motor seiner Arbeit. Seine 1789/ 90 als Osterprogramm veröffentlichte Schrift „Commentatio qua Marci evangelium totum e Matthaei et Lucae commentariis decerptum esse monstratur“ , 48 formuliert dann explizit seine innersynoptische Benutzungshypothese, mit der er an Augustins Auffassung anknüpft, Markus habe das Matthäusevangelium bearbeitet. Dass aber Augustin bereits die These vertrat, Markus habe 46 Synopsis Evangeliorum Matthaei, Marci et Lucae una cum iis Joannis pericopis, quae omnino cum caeterorum Evangelistarum narrationibus, conferendae sunt. Textum recensuit […] J.J. Griesbach, Halle 1776. 47 J.J. Griesbach, Fontes unde Evangelistae suas de resurrectione Domini narratione hauserint: Paschatos solemnia, Jena 1783, reprinted in: ders., Opuscula academica, ed J.P. Gabler, vol. II, Jena 1825, 241-256. 48 J.J. Griesbach, Commentatio qua Marci evangelium totum e Matthaei et Lucae commentariis decerptum esse monstratur, Jena 1789/ 90. Mehr oder weniger plausible Hypothesen 27 Matthäus und Lukas vor Augen gehabt, scheint Griesbach nicht präsent gewesen zu sein. Er nennt auch nicht seinen Vorläufer Henry Owen. Was er aber beansprucht und im Sinn hat, wird mehr als deutlich. Wer der Klarheit seiner Argumentation folge, werde sich von der Klarheit des Schriftzeugnisses selbst überzeugen lassen, dass zuerst Matthäus und dann Lukas schrieb und Markus schließlich aus diesen beiden ein eigenständiges, hochrangiges Evangelienbuch erarbeitete. 49 Damit war auch die Harmonie zwischen der Klarheit der Schrift und der Zuverlässigkeit der altkirchlichen Traditionen wieder hergestellt, denn ein Basisargument der Griesbachthese besteht gerade darin, dass Matthäus nicht nur der erste Evangelienschreiber ist, sondern ihm die apostolische Autorität des Augenzeugen zukomme. 50 Auch dass Markus nach Apg 12,12 Begleiter des Paulus und des Petrus war, ist für Griesbach eine historische Tatsache. 51 Für Griesbach ist alles klar und mittels seiner Synopse in eine höhere harmonische Eintracht von Schrift und Tradition gebracht. Unter dem für ihn ärgerlichen Eindruck der viel zu hypothesenfreudigen Urevangeliumshypothese seines Schülers Johann Gottfried Eichhorn baut er seine Schrift von 1789/ 90 aus und wendet sich damit 1794 52 nochmals entschiedener gegen die romantische Idee, das kürzere sei das Ursprüngliche, die gleichermaßen der Hypothese des Urevangeliums wie auch der von Johann Benjamin Koppe 53 und von Gottlob Christian Storr im Rahmen seiner Neubegründung der Evangelienharmonie entwickelten Hypothese der Markuspriorität 54 zu Grunde liegt. Er fragt gegen Koppe und Eichhorn gerichtet: „Need the shorter Gospel be earlier than the longer? “ Seine Antwort lautet: „It depends entirely on the intention of the author whether it is preferable to add to, or to substract from, what others wrote before him“. 55 49 Vgl. Ebd., 12. 50 Vgl. Ebd., 11. 51 Ebd., 12. 52 Io. Iac. Griesbachii Theol. D. et Prof Primar in academia Jenensi commentatio qua Marci Evangelium totum e Matthaei et Lucae commentariis decerptum esse monstratur, scripta nomine Academiae Jenesis, (1798.1790) iam recognita multisque augmentis locupletata, 1794, abgedruckt in: Griesbach: Synoptic and Text-Critical Studies 1776-1976, ed. by B. Orchard / T.R.W. Longstaff, SNTS MS 34, Cambridge u. a. 1976, 74-102; Engl. Übersetzung ebd., 103-135. 53 J.B. Koppe, Marcus non epitimator Matthaei, 1782; vgl. dazu H Greeven, The Gospel Synopsis from 1776 to the present day, in: Griesbach: Synoptic and Text-Critical Studies 1776-1976, ed. by B. Orchard / T.R.W. Longstaff, SNTS MS 34, Cambridge u. a. 1976, 22-49 54 G.C. Storr, Über den Zweck der evangelischen Geschichte und der Briefe Johannis, 1786; ders., De fontibus Evangeliorum Matthaei et Lucae, 1794; vgl. dazu W. Schmithals, Einleitung in die drei ersten Evangelien, Berlin / New York 1985, 163-166. 55 Griesbach, in: ders., Synoptic and Text-Critical Studies 1776-1976, 119. 28 Stefan Alkier Griesbach baut die These Owens mit Hilfe seiner Synopse philologisch aus. Wie Owen versteht er Markus als klugen Theologen, der die ihm vorliegenden Evangelien des Matthäus und des Lukas aber nicht einfach planlos verkürzt, sondern mit Blick auf sein Zielpublikum neu ausrichtet. Anders als Owen legt er sich aber nicht auf das gebildete Publikum Roms fest. Markus habe ein heidenchristliches Publikum außerhalb Palästinas vor Augen gehabt. In einem entscheidenden Punkt aber verändert er Owens Sicht und nähert sich damit der These Augustins an. Markus habe nämlich nicht eine eigene Ordnung der Erzählung entworfen, sondern er folge dem Erzählfaden des Matthäus, in den er aber lukanisches Gut literarisch geschickt einarbeite. Owen und Griesbach stimmen gerade darin überein, dass Markus nicht als ein blinder Epitomator zu begreifen ist, sondern die literarische Güte des Markusevangeliums auf einen gebildeten und reifen Theologen schließen lässt, der genau weiß, was er bezwecken will und mit welchen Mitteln ihm das gelingen könnte. Griesbachs innersynoptische Benutzungshypothese überzeugte wegen ihrer argumentativen Strenge und ihrer überzeugenden Armut an Hilfshypothesen viele kluge Köpfe. Sie war zunächst die Alternative zur Eichhornschen Urevangeliumshypothese. Beide gerieten ins Abseits, als sich die romantische Hypothese der Priorität des kürzeren, ursprünglicheren Markusevangeliums mehr und mehr durchzusetzen begann. 8.2 Die Urevangeliumshypothese Johann Gottfried Eichhorns Auf dem aufgeklärten Boden kritischer Destruktion dogmatisch konstruierter Zusammenhänge wächst als Gegenbewegung dazu das romantische Ursprungsdenken, das die akzeptierte Diversität auf ein Ursprungsprinzip zurückführen möchte. Eine geschichtliche Erscheinung erhält ihre Identität demzufolge durch ihren zeitlichen Ursprung, der zugleich als Wesensursprung gedacht wird. Johann Wolfgang Goethes Ideen des Urtiers oder der Urpflanze sind diesem Denken verpflichtet, das Goethe erst aufgibt, nachdem er sich von Johann Gottfried Herder ab- und Friedrich Schiller zugewendet hatte. Herder aber blieb seinem Ursprungsdenken treu und kritisierte damit die Geschichtskonstruktionen von Lessing und Kant. Das zeitlichen Beginn und Wesen identifizierende Ursprungsdenken strahlte eine so große Faszination aus, dass es auf nahezu alle Wissensgebiete angewendet wurde. 56 Mit der Ausarbeitung der Idee eines Urevangeliums meinte Johann Gottfried Eichhorn (1752-1827) dem von Semler in die theologische Geschichtsschreibung eingebrachten kritischen Bild radikaler Diversität des ältesten Christentums be- 56 Vgl. zu diesen Zusammenhängen S. Alkier, Urchristentum, 113-172. Mehr oder weniger plausible Hypothesen 29 gegnen zu können, ohne die überzeugenden historischen Arbeiten Semlers ablehnen zu müssen, die er als dessen Enkelschüler wertschätzte. Die Kurzfassung seiner romantisch-organologischen Urevangeliumshypothese lautet: „Die untergegangenen Evangelien sind alle Theile eines Stammes, der sich in 2 Äste theilte, von denen jeder wieder seine eigenen Zweige getrieben hat. I. Zu dem einen Hauptast, aus dem der katholische Matthäus entsprossen ist, gehörte 1) das Evangelium der Hebräer 2) Cerinth’s Evangelium 3) Justins Denkwürdigkeiten der Apostel 4) und Tatians eine Denkschrift seiner evang. Harmonie. II. zu dem andern aus dem der katholische Lukas hervorgegangen ist, gehörte 1) Marcion’s Evangelium und 2) eine der Denkschriften von Tatians Diatessaron. Der Stamm, aus dem diese zwei Aeste entsprossen sind, (oder die gemeinschaftliche Grundlage aller dieser untergegangenen Evangelien) ist ein uraltes kurzes Leben Jesu, ein Urevangelium“. 57 Das Urevangelium versteht Eichhorn als letztlich auf Jesus zurückgehenden, aber von seinen von ihm selbst beauftragten Aposteln verfassten schriftlichen Ersatz für die mündliche Erzählung des Lebens und der Lehren Jesu der Apostel. 58 Anders als Semler reinigt Eichhorn die Lehre Jesu von jeglicher rezeptionsbedingter Diversität. Auch noch das schriftliche Urevangelium der Apostel hat Anteil an der unvermischten Einheitlichkeit der Lehre Jesu. Jesus selbst sorgte für die authentische Weitergabe seiner Lehre an die zwölf Urjünger, damit dieser göttliche Ursprung der Wahrheit des Christentums nicht schon am Anfang Verunreinigung oder Zumischung ausgesetzt wurde. Aus diesem reinen Ursprung sind die Erzählungen der Apostel hervorgegangen. Davon abgeleitet wurden die Erzählungen der Erzählungen der Unterapostel und genau hier beginnt die Verunreinigung des Ursprünglichen. Um dieser Verdünnung entgegenzuwirken verschriftlichten die Urapostel das Urevangelium. Urevangelium meint also nicht nur das zeitlich erste Evangelium, sondern die theo-ontologische Qualität desselben, rein und unvermischt die göttliche Lehre Jesu fixiert zu haben. Leider aber wurde dieses Urevangelium durch die Nachfolger der Urapostel verfälscht. Auch die kanonischen Evangelien bieten nur verfälschte Versionen des Urevangeliums an. Sie sind aber von solcher Qualität, dass sich durch literarkritische Operationen das Urevangelium wieder herstellen lasse. Das Wiederfinden des Urevangeliums durch das Herausschälen aus dem Unrat der verschmutzten Evangelien ist daher die weitestgehende mögliche Rekonstruktion des Ursprungs des Christentums: das Leben Jesu und seine Lehre. Mit ihm wird die Wahrheit des Christentums überhaupt geborgen. 57 J.G. Eichhorn, Einleitung in das NT, 5 Bde., Leipzig 1804-1827, hier I,XII. Erstmals formulierte er seine Hypothese 1794: ders., Über die drey ersten Evangelien, ABBL 5, 1794, 759-762. 58 Vgl. dazu S. Alkier, Urchristentum, 140-144. 30 Stefan Alkier Die Rekonstruktion des ontologisch wie zeitlich ursprünglicheren Urevangeliums macht eine Rekonstruktion des vom Ursprung weiter entfernten und aus diesem erst entstandenen komplexen und widersprüchlichen Gebilde des Frühchristentums und seiner Schriften theologisch überflüssig. Man braucht nicht mehr als die identitätsstiftende Urkunde des Christentums: das Urevangelium. Alle anderen Erscheinungen und Schriften des Christentums können ihre Diversität und Differenz behalten, da sie nichts wesentlich Neues zur Wahrheit des Christentums beitragen. Johann Gottfried Eichhorns Variante der Urevangeliumshypothese basiert zur Gänze auf Semlers Rekonstruktion der radikalen Diversität der Anfänge des Christentums. Allerdings bewertet er Diversität gänzlich anders als Semler. Wahrheit ist für ihn monologisch. Die Polyphonie bedroht die Wahrheit. Die Rekonstruktion der ursprünglichen einen Stimme ist die Rekonstruktion der reinen Quelle. Die kanonischen Evangelien sind durch Polyphonie verschmutzt, aber können durch den historisch-kritischen Geist wieder geklärt werden. Seine Urevangeliumshypothese richtet sich auf dieser Basis mit ihrer eigenen Fiktion gegen die Fiktion der Betrugshypothese des Reimarus: Sie setzt sich als Erklärungsmodell der Genese der Evangelienliteratur weitgehend durch, ohne die Griesbachthese zu wiederlegen. Eichhorn erzählt einfach die schönere Geschichte. 9. Angst vor dem Mythos, oder: Wie die Zwei-Quellen-Hypothese entstand Unter dem Eindruck der Plausibilität von Semlers Geschichtsbild, das radikal von Diversität und Differenz geprägt ist und jede Harmonisierung als ängstliche apologetische Geschichtsfälschung begreift, wird bei Semlers Schülern, die die Polyphonie der Christusanhänger in Geschichte und Gegenwart nicht wie ihr Lehrer als zu begrüßendes Lebensprinzip der Christusverehrung auffassen können, die Vielfalt der Evangelien zum Problem ihrer Wahrheit. Dass das Mittel der Evangelienharmonie, wie es noch Storr einsetzte, selbst dann nicht mehr überzeugt, wenn es offen ist für eine historische Reinterpretation, war offenkundig geworden spätestens durch Lessings Veröffentlichung der „Fragmente eines Ungenannten“. Lessing, der geistige Schüler Semlers, schien damit jeder Evangelienharmonie den Todesstoß versetzt zu haben. Aber selbst Lessing hielt die radikale Akzeptanz der Polyphonie nicht aus und versuchte, auf der Basis von Semlers Fragmentenhypothese Ordnung in das Chaos zu bringen mittels seiner Abhandlung „Neue Hypothese über die Evangelisten als blos menschliche Mehr oder weniger plausible Hypothesen 31 Geschichtschreiber“ , die er aber nicht selbst veröffentlichte, sondern erst 1784 von seinem Bruder Karl Lessing herausgegeben wurde. Seine Hypothese lautet: „§ 22. War nun aber das Evangelium der Nazarener keine spätere untergeschobene Mißgeburt: so war es auch älter als alle unsere vier Evangelia, deren das erste wenigstens 30 Jahre nach Christi Tode geschrieben wurde“. 59 Dieses erste Evangelium wird vom Hebräischen in viele Sprachen übersetzt und als Fragment für die je eigene Abfassung eines Evangeliums genutzt. Der erste, der es dann in eine griechische Fassung bringt, ist Lessing zufolge Matthäus. Die Hypothese Lessings zeigt, wie sehr ihm daran gelegen war, die Polyphonie der Evangelienliteratur in einen natürlichen bzw. organischen Zusammenhang zu bringen. Genau darum geht es den Benutzungshypothesen in ihren vielfältigen Ausprägungen: aus dem unbeherrschbaren, unzusammenhängenden Plural der diversen Evangelien eine zusammenhängende, beherrschende neue Harmonie zu bilden, die aufgeklärt-natürlich bzw. organologisch-romantisch plausibilisiert wird. Man sucht nach dem Anfang, aus dem alles zusammenhängend ableitbar wird, weil man die unzusammenhängende Diversität als Bedrohung der Wahrheit erfährt. Aus der ehemaligen Harmonie des synchronen Zusammenklangs verschiedener Stimmen wird das synoptische Problem, das für sein Begehren eines klaren Ursprungs sogar bereit ist, die vorhandenen Quellen zu trüben. Auf der Basis genetischer Quellenforschung soll gleichermaßen der durch Semler destruierte Zusammenhang der Evangelien wieder hergestellt und zugleich der Betrugsvorwurf des Reimarus entkräftet werden. Aus der Vielfalt fördernden historisch-kritischen Wahrnehmung von Diversität und Differenz wird die ängstliche Suche nach historischer Absicherung der „Evangelischen Geschichte“ von Jesus Christus, die zugleich die Literarkritik und damit wechselseitig verbunden die Leben Jesu Forschung des 19. Jh.s prägen wird. Wahrheit wird auf historische Triftigkeit reduziert. Genau davor hatte Origenes mit bedenkenswerten Gründen gewarnt. Gegen die Reduktion des Wahrheitsverständnisses auf historische Triftigkeit richtete sich Johann Gottfried Herdes Schrift „Regel der Zusammenstimmung unsrer Evangelien, aus ihrer Entstehung und Ordnung“ (1797). Zugleich aber formuliert er die organologisch-romantische Idee, Pluralität gehe immer aus Singularität hervor, das Einfachere sei immer älter als das Komplexere. Diese romantische Ideologie des Einfachen wird zur Basis der Hypothese der Markuspriorität, wie sie bereits Koppe formuliert hatte, nun aber Herder organolo- 59 G.E. Lessing, Neue Hypothese über die Evangelisten als blos menschliche Geschichtschreiber, in: ders., Sämtliche Schriften, hg. v. K. Lachmann, 3. auf ’s neue durchges. u. verm. Aufl. besorgt durch F. Muncker, Bd. 16, Leipzig 1902, 370-391, hier 377. 32 Stefan Alkier gisch plausibilisiert. Er überträgt seine geschichtsphilosophische Idee, 60 dass alle Verschiedenheit aus einem gemeinsamen Ursprung erwächst, auf das Markusevangelium: Der philologischen Strenge Griesbachs setzt er die genieästhetische Überzeugung entgegen: „Ist dies nicht die natürlichere Ansicht? Ist nicht das Kürzere, das Schmucklose, gewöhnlich das Frühere, dem sodann andre Veranlassungen nachher Erläuterung, Fülle, Rundheit hinzufügen? Daß dies bei Markus gegen Matthäus und Lukas der Fall ist, ist augenscheinlich, wenn wir auch vom Verfasser nichts wüßten“. 61 Da für Herder zudem Mündlichkeit ursprünglicher und deshalb wahrer ist als Schriftlichkeit, verdoppelt er die Ursprünglichkeit des Markusevangeliums mittels seiner Diegesentheorie . 62 Am Anfang der Evangelientradition stehen einfache Erzählungen. Das mündliche Markusevangelium stamme bereits aus der Zeit unmittelbar nach Jesu Tod, aber erst in den 60er Jahren habe Markus es verschriftlicht. Er ist ihm aufgrund seiner „Originalität“ der „Archetyp der Erzählung“. 63 Das spätere Matthäusevangelium, „abgefaßt, mit hebräischen Buchstaben in Palästinischer Landessprache“ benutzte das Markusevangelium und gilt Herder daher als „Commentar jenes ersten Entwurfs“. 64 Lukas benutzt dann in eigenständiger Weise Markus und Matthäus und auch noch weitere Evangelien. Die These einer verlorenen gegangenen Quelle wie das Urevangelium Eichhornscher Prägung lehnt Herder vehement ab: „Mithin ist die Zurückführung unsrer gesamten drei Evangelien auf Eine nicht vorhandene Urschrift ein kühner Lauf ohne Ziel. Aus Worten und Redarten freier Erzählung läßt sich eine solche ungeschriebene Urschrift (…) mit Gewißheit nie ausfinden. Vielmehr zerstört dieser kühne Versuch den natürlichen Anblick unsrer Evangelien selbst, indem er Schwierigkeiten auf Schwierigkeiten häufet“. 65 Herders Kombination aus mündlicher Erzählung (Traditionsbzw. Diegesenhypothese) und schriftlichen Benutzungshypothesen ist aber nicht primär am Erweis historischer Triftigkeit interessiert, vielmehr geht es ihm darum, bei aller Übereinstimmung der synoptischen Evangelien ihr jeweiliges Recht poeto- 60 Vgl. J.G. Herder, Ideen zu Geschichte der Philosophie der Menschheit, in: ders., Sämtliche Werke XIIIf., hg. v. B. Suphan, repr. Nachdr. d. Ausg. Berlin 1887/ 1909, Hildesheim 1967. 61 Herder, Christliche Schriften. Dritte Sammlung 1797, 391. Vgl. J.B. Koppe, Marcus non Epitomator Matthaei, 1782; Neuausgabe 1798; Storr, De fonte evangeliorum Matthaei et Lucae, 1794. 62 Vgl. Herder, Christliche Schriften, 390. 63 Ebd., 394. 64 Ebd., 409 65 Ebd., 417. Mehr oder weniger plausible Hypothesen 33 logisch-theologisch zuzugestehen. Es ist die ästhetische Analyse zur Erfassung des „Eigensten“ eines Schriftstellers, die seine Aussageabsicht, seine Sicht der Dinge erkennen lässt, auch unabhängig von ihrer Genese. 66 Auch die beiden 1838 unabhängig voneinander erschienen Werke, die der Markuspriorität den Durchbruch verschafften, sind ganz von theologischen und philosophischen Prämissen und Ängsten geprägt. Sie halten es gar nicht für nötig, sich wissenschaftlich etwa mit den philologischen Argumenten Griesbachs auseinanderzusetzen, obwohl dessen Hypothese nicht von der weit verbreiteten Urevangeliumshypothese verdrängt worden war. Insbesondere Ferdinand Christian Baur und seine Schüler hielten an der Griesbachhypothese fest. Für Christian Hermann Weisse (1801-1866) war der Stein des Anstoßes die vornehmlich auf Traditionshypothesen mündlicher Überlieferungen aufbauende Mythen-These des wohl bekanntesten Schülers Ferdinand Christian Baurs (1792-1860): David Friedrich Strauss (1808-1874). Strauss vertrat zwar gleichfalls wie Baur für das schriftliche Stadium der Evangelienliteratur die Griesbachhypothese, aber weit mehr war ihm an der älteren mündlichen Überlieferung gelegen, die er teils aus Überlegungen Herders und teils aus Eichhorns phantasievollen Ausführungen übernahm. Vor allem aber diente Strauss die Betonung der Mündlichkeit dazu, den geschichtlichen Rahmen der Evangelienerzählungen als mythische Einkleidung der Ideen zu begreifen, die sich in den Reden Jesu, insbesondere in den Gleichnissen mehr oder weniger bewahrt hätten. Mit einem anderen Denkmodell als zuvor Reimarus, aber mit vergleichbarer Wirkung, stand mit dem „Leben Jesu“ , das 1835 in erster Auflage erschien, die historische Triftigkeit der Evangelien auf dem Spiel. Weisse kritisiert nun aber in keiner Weise, dass Strauß sich auf philosophische Theoriebildung berief. Der Titel von Weisses Arbeit steht ganz in Einklang mit der Überzeugung aller historisch-kritischen Exegeten seit Semler, dass die Fortschritte der Exegese ihrer Zeit sich zu einem bedeutenden Teil der Philosophie verdanken. Die umfangreiche Monographie von Weisse trägt den programmatischen Titel: „Die evangelische Geschichte: kritisch und philosophisch bearbeitet“. Dieses Werk zeigt gleich in seinem ersten Satz, dass sich die reformatorische These von der Klarheit der Schrift auch bei Weisse in die Überzeugung von der Schrift als trüber Quelle gewandelt hat. Weisse schreibt in seinem Vorwort: „Die Idee zu gegenwärtiger Bearbeitung der evangelischen Geschichte ist älter, als das Erscheinen des bekannten Werkes von Strauß; doch wage ich nicht mit Zuversicht zu behaupten, daß ohne dieses Werk dieselbe je würde zur Ausführung gekommen 66 Ebd., 414 34 Stefan Alkier sein. Meine Tendenz ist, wie man finden wird, nicht die negativ-kritische, sondern eine wesentlich positive, die Herstellung des geschichtlichen Christusbildes aus der unklaren Hülle, mit welcher es, der Ueberzeugung zufolge, welche ich mit der Mehrzahl der Gebildeten unseres Zeitalters theile, frühzeitig die Überlieferung, später das kirchlich festgestellte Dogma umgeben hat“. 67 Aus der Klarheit der Schrift wird eine unklare Hülle . Wer nun die zwei seitenstarken Bände Weisses liest und nun eine historisch-kritische Quellenanalyse erwartet, wird aber bitter enttäuscht. Weisse war kein Philologe und auch kein Exeget. Vielmehr war er Professor für Philosophie in Leipzig mit einem Schwerpunkt in der Religionsphilosophie. 68 Der Hauptteil seiner Ausführungen in seiner „Evangelischen Geschichte“ besteht in einer Evangelienharmonie, die er auf der historischen Ebene ansiedelt und darin Augustin durchaus vergleichbar ist. Allerdings hat er anders als Augustin kein Interesse mehr an den Texten selbst. Sie sind ihm Mittel zum Zweck, und der Zweck ist die wahre Evangelische Geschichte nicht, wie sie in den Evangelien dargestellt wird, sondern wie sie ihnen vorausliegt. Aus den einst so erhabenen Mensch, Löwe, Stier und Adler sind traurige, trübe Quellen geworden, in denen man mit viel Aufwand fischen muß, um die verdeckte Wahrheit wiederzufinden. Weisse erzählt nun die wahre, historisch gesicherte Geschichte des Lebens Jesu aus dem apologetischen Geist, der die Ängste vor der Auflösung christlicher Wahrheit mit einem Objektivität beanspruchenden Hypothesengebäude vertreiben möchte. Man vertraut nicht mehr der Klarheit der Quellen, sondern der Objektivität der je eigenen Quellenhypothesen. Man glaubt nicht mehr der „unklaren Hülle“ der Evangelien, sondern der Klarheit der eigenen Rekonstruktionen. Die Quellenhypothesen werden zum Glaubensgegenstand. Der evangelische Feldprediger und Pfarrer Christian Gottlob Wilke (1786- 1854) und der Religionsphilosoph Christian Hermann Weisse waren beide so sehr von der Markuspriorität überzeugt, dass sie sich mit den Gegenargumenten des herausragenden Philologen Johann Jakob Griesbach erst gar nicht befassten. Beiden ging es letztlich um die Apologie der historischen Wahrheit der Evangelischen Geschichte. Darüber hinaus aber waren sie Feinde, die gegensätzliche Interessen, Ideologien und Hypothesen vertraten. Während für Weisse das Markusevangelium mit der altkirchlichen Tradition ein von Petrus angeregtes ist, das bei Weisse dann aber wie eine Quelle zweiter 67 C.H. Weisse, Die evangelische Geschichte kritisch und philosophisch bearbeitet, 2 Bde., Leipzig 1838, hier Bd. 1. 68 Als Hauptwerk gilt: C.H. Weisse, Philosophische Dogmatik oder Philosophie des Christenthums, 3 Bde., Leipzig 1855-1862. Mehr oder weniger plausible Hypothesen 35 Hand betrachtet wird, ist für Wilke das Markusevangelium das Urevangelium als ein Evangelium von schriftstellerischem Niveau und der Garant der Zuverlässigkeit des Evangeliums von Jesus Christus, auch wenn er mit der altkirchlichen Tradition die Reihenfolge der erzählten Episoden des Markusevangeliums nicht für historisch hält: „Markus ist der Urevangelist. Sein Werk ist’s das den beiden andern Evangelien des Matthäus und Lukas zum Grunde liegt. Dieses Werk ist nicht die Kopie eines mündlichen Urevangeliums, sondern es ist künstliche Komposition. Dass seine Zusammenstellungen weniger durch geschichtlichen Zusammenhang, als durch vorausgedachte gemeine Sätze, ungeachtet sie den Schein eines geschichtlichen Zusammenhanges angenommen haben, dies erklärt sich eben daraus, dass sein Urheber keiner der unmittelbaren Begleiter Jesu gewesen ist“. 69 Die Schrift kann schon deshalb nicht allein Grundlage des Glaubens sein. Sola Scriptura ist für Wilke keine Option mehr und so konvertiert der evangelische Pfarrer 1846 mit seiner Frau zum römischen Katholizismus. Der Pfarrer Wilke ist im Gegensatz zum Philosophen Weisse kein Vorläufer der Zwei-Quellen-Hypothese. Er vertritt eine innersynoptische Benutzungshypothese in der Form, dass Lukas das Markusevangelium und Matthäus das Lukasevangelium benutzt habe. Der apologetische Religionsphilosoph Weisse hingegen konstruiert bereits die Kombination aus innersynoptischen und außersynoptischen Benutzungshypothesen und legt damit den Grundstein zur hypothesenreichsten aller Quellentheorien, der zufolge Lukas und Matthäus das Markusevangelium und eine vom Apostel Matthäus abgefasste Spruchsammlung sowie jeweils weitere eigene Quellen bzw. Traditionen vorliegen hatten. Die spätere Bezeichnung „Zwei-Quellen-Theorie“ führt in die Irre. Sie ist von Anfang an ein komplexes Hypothesengebäude, das diverse Benutzungshypothesen, Vorlagenhypothesen, Traditionshypothesen und Fragmentenbzw. Diegesenhypothesen phantasiereich mit philosophischer Konstruktionsfreude kombiniert. Heinrich Julius Holtzmanns 70 Version der verkürzend so genannten „Zwei- Quellen-Theorie“ in seiner Monographie, „Die synoptischen Evangelien“ , aus dem Jahr 1863 verhilft ihr dann zum Durchbruch. Die in der heutigen Forschung als „minor agreements“ 71 bekannten Probleme der Zwei-Quellen-Hypothese, die bereits Weisse sah, „löst“ Holtzmann zunächst durch eine weitere Hypothese, nämlich die eines „Urmarkus“. Diese Hypothese verlässt er aber in seiner Ein- 69 C.G. Wilke, Der Urevangelist, 684. 70 H.J. Holtzmann, Die synoptischen Evangelien, Leipzig 1863. 71 Vgl. Strecker (Hg.), Minor Agreements, Symposium Göttingen 1991/ 1998. 36 Stefan Alkier leitung aus dem Jahr 1885 72 und kehrt zur Benutzungshypothese zurück, der zufolge Lukas nicht nur das Markusevangelium, sondern auch das Matthäusevangelium kannte. Die erschreckend unwissenschaftliche Gewissheit, mit der viele Protagonisten der „Lösung“ des synoptischen Problems ihre Auffassungen immer wieder vortrugen und andere Auffassungen nicht der Rede wert hielten, sollte allen eine Warnung sein, die redliche Wissenschaft betreiben wollen, und deshalb ihre Hypothesen nicht als Fakten oder gar Daten ausgeben dürfen. So schreibt Wilke über seine innersynoptische Benutzungshypothese gegen Ende seines umfangreichen Werkes, „Der Urevangelist oder exegetisch-kritische Untersuchung über das Verwandtschaftsverhältnis der drei ersten Evangelien“ : „Wir geben für alle Ewigkeit Brief und Siegel, daß unser Resultat das richtige sei“. 73 10. Aufgabe und Ergebnisse forschungsgeschichtlicher Reflexion des „synoptischen Problems“ - 10 Thesen 1. Das „synoptische Problem“ ist kein Datum oder Faktum der kanonischen Evangelien, sondern Ergebnis wissenschafts- und politikgeschichtlich beschreibbarer Konstellationen europäischer Wissensproduktion. 2. Die Dringlichkeit der Lösung des synoptischen Problems ergibt sich nicht aus den zu interpretierenden Daten, sondern resultiert aus den philosophischen, hermeneutischen und theologischen Präsuppositionen der diversen exegetischen Ansätze. 3. Wissenschaftsgeschichte ist nicht die Geschichte stetigen Fortschritts, sondern die Transformationsgeschichte von Diskursen im Zeichen von Erkenntnisgewinn und Vergessen. 4. Der Rekurs auf die im Laufe der Jahrhunderte vorgeschlagenen Lösungen des synoptischen Problems zielt auf die Erinnerung und Rehabilitierung ihrer Denkbarkeit und argumentativen Kraft und trägt damit zur notwendigen Komplexität gegenwärtiger Diskurse bei. 72 H.J. Holtzmann, Lehrbuch der historisch-kritischen Einleitung in das Neue Testament, Tübingen 1885. 73 Wilke, Urevangelist, 684. Mehr oder weniger plausible Hypothesen 37 5. Kein Lösungsansatz zum synoptischen Problem vermochte alle Daten so stimmig zu verbinden und zu interpretieren, dass er die Einwände der anderen Lösungsansätze falsifizieren konnte. 6. Zu unterscheiden sind aber mehr oder weniger plausible Lösungsansätze, deren Plausibilität sich aus der sinnvollen Verknüpfung und Interpretation der Daten und der möglichst engen Begrenzung von Hilfshypothesen ergeben. 7. Als Daten können nicht die bereits aus der Perspektive eines bestimmten Lösungsansatzes erarbeiteten Hypothesen gelten (z. B. „Markus als ältestes Evangelium“, „minor agreements“, „Q“) 74 , sondern nur die gegebene und als solche zu interpretierende Zeichenmenge der Evangelien. 8. Als bedeutendstes Faktum der Interpretation der Daten hat sich im Streit um die Lösung des synoptischen Problems ergeben, dass die Vielzahl der wörtlichen und syntagmatischen Übereinstimmungen zwischen Mt, Mk und Lk nicht allein mit dem Rekurs auf mündliche Traditionen zu erklären ist, sondern schriftliche Abhängigkeitsverhältnisse zu konstatieren sind. 9. Aus These 8 ergibt sich, dass ausschließlich Benutzungshypothesen Plausibilität beanspruchen können, die entweder außersynoptisch (in der Forschung auch „Vorlagenhypothese“ genannt, z. B. Eichhorns Urevangeliumshypothese) oder innersynoptisch (z. B. Griesbachthese) argumentieren, oder eine Kombination beider Möglichkeiten (2QT) favorisieren. 10. Fazit: Von einer „Lösung“ des synoptischen Problems kann redliche Wissenschaft nicht berichten, wohl aber von einem engagierten Diskurs verschiedener Lösungsansätze. Was Thomas R.W. Longstaff 1976 als bedeutendes Ergebnis der Münsteraner Griesbachtagung festhielt, sollte Grundlage aller weiteren Diskussionen des synoptischen Problems werden: 74 Vgl. B. Reicke, Griesbach’s answer to the Synoptic Question, in: Griesbach: Synoptic and Text-Critical Studies 1776-1976, ed. by B. Orchard / T.R.W. Longstaff, SNTS MS 34, Cambridge u. a. 1976, 67: „These two assertions, the priority of Mark and the existence of a Logia source, soon became popular in Protestant Germany, and even took on the character of an article of faith that later spread to other countries and churches. Many scholars accept them as if they were axioms. But such idola theatri should always be called into question“. 38 Stefan Alkier „Perhaps one of the most important results of the Colloquium was the clear articulation (…) of the view that New Testament scholarship has entered a new period of pluralism with regard to the Synoptic Problem. Although the strength of the two-document hypothesis was frequently stressed, nearly everyone present agreed that the solution was not without difficulties and that it could no longer be considered to be established beyond reasonable doubt. In fact, most participants acknowledged that New Testament research would profit from a climate in which a plurality of hypotheses could be accepted as legitimate starting-points for exegetical studies”. 75 75 T.R.W. Longstaff, At the Colloquium´s Conclusion, in: Griesbach: Synoptic and Text-Critical Studies 1776-1976, ed. by B. Orchard / ders., SNTS MS 34, Cambridge u. a. 1976, 173 f.