ZNT – Zeitschrift für Neues Testament
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1435-2249
2941-0924
Francke Verlag Tübingen
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2020
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Dronsch Strecker VogelStellte die Zerstörung Jerusalems für das antike Judentum eine tiefgreifende Krise dar?
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Kristina Dronsch
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Kontroverse Stellte die Zerstörung Jerusalems für das antike Judentum eine tiefgreifende Krise dar? Einleitung in die Kontroverse Kristina Dronsch Jede christliche Perspektive auf die Bedeutung der Zerstörung Jerusalems und des Tempels 70 n. Chr. ist und bleibt durch die spätere christliche Wirkungsgeschichte geprägt. In dieser Geschichte wurde die Zerstörung des Tempels häufig als Argument gegen das Judentum gewendet. Die vorliegende Kontroverse über die Frage „Stellte die Zerstörung Jerusalems für das antike Judentum eine tiefgreifende Krise dar? “ nimmt dieses Problem christlicher Voreingenommenheit in dankenswerter Weise ernst. Ungeachtet aller Differenzen eint die Beiträge von Markus Sasse und Markus Vogel die Einsicht in die interpretative Offenheit, die diese Frage mit Blick auf den Tempel und die Stadt Jerusalem zulässt, und es ist zugleich diese Offenheit, die es verbietet, die gestellte Frage als Sprungbrett für eigene gelehrte Interpretationen zu vereinnahmen. Markus Sasse folgt konsequent der Spur der Geschichte des Judentums, indem er sie kulturwissenschaftlich in den Blick nimmt. Er fokussiert auf die politischen Entwicklungen unmittelbar nach der Zerstörung Jerusalems, fragt nach den religionsgeschichtlichen Prozessen und nach der Rolle des Tempels im Frühjudentum und in der judäischen Gesellschaft. Sein historisches Sezierbesteck entlang der Quellen weist vor allem auf die vom Tempel unabhängigen jüdischen Kulturformen, die schon lange vor der Tempelzerstörung zur Praxis Zeitschrift für Neues Testament 23. Jahrgang (2020) Heft 45 78 Kristina Dronsch im antiken Judentum zu zählen sind. Im Ergebnis kommt Markus Sasse deshalb zu dem Schluss: „Die Tempelzerstörung bedeutete eine Angleichung an die Lebensweisen in der Diaspora“. Das faktische Fortbestehen der jüdischer Kultur zeigt demnach vor allem, dass die durch die Zerstörung des Tempels ausgelöste Disruption nicht Niedergang, sondern Transformation der religiösen Kultur bedeutete, die für die Gestaltung dieser Transformationsprozesse einerseits auf schon geprägte Kulturformen zurückgreifen konnte, andererseits kreativ sich weiterentwickelte, so dass beispielsweise nach dem Ereignis der Zerstörung Jerusalems Tempelberg und Tora „in unterschiedlicher Weise die Funktion eines ‚literarischen Heiligtums‘“ erhielten. Manuel Vogel schlägt in seiner Replik einen anderen Weg ein: Für ihn trägt nicht das Offensichtliche zur Beantwortung der Frage bei, sondern ertragreich wird diese erst, wenn der Nahraum des Offensichtlichen verlassen und stattdessen das Spurenlesen selbst als das die Wahrnehmung herbeiführende Element verstanden wird. Die Spur, auf die er trifft, bzw. die er liest, ist eine Apokalypse aus der Zeit nach dem jüdischen Krieg, das 4. Esrabuch. Manuel Vogel verwendet sie als eine materielle Markierung, die uns auf etwas hinweist, das an dem Ort der Spur gerade nicht mehr vorhanden ist - andernfalls gäbe es keine Spur. Wie ein Detektiv den Tatort nach Spuren durchsucht, so wird die Textur der Erzählung des 4. Esrabuches untersucht mit dem Ziel, das Vergangene in der Welt der Erzählung erschließbar werden zu lassen. Ganz im aristotelischen Sinne wird 4. Esra als Erzählung verstanden, die das mögliche Glück oder die mögliche Hölle, die im menschlichen Handeln angelegt ist, auslotet. Dabei wird das Buch als ein Krisendokument verstanden, welches in eine auch dreißig Jahre nach der Tempelzerstörung noch offene Krisensituation hinschreibt - mit dem Ergebnis, „dass mit den Mauern Jerusalems nicht weniger als ein ganzes Weltbild in Trümmer gegangen ist, nicht für alle, aber für einige, von denen wir nichts mehr vernehmen, weil sie nicht nur der zerstörten Stadt den Rücken gekehrt haben, sondern auch dem Gott dieser Stadt, von dem sie einmal glaubten, er habe eine gute Welt erschaffen (…)“. Und so endet der Kontroversbeitrag von Manuel Vogel mit einer Frage, die uns zurückwirft auf den Nukleus des Spurenlesens: „War der Untergang Jerusalems eine tiefgreifende Krise? “ Manuel Vogels Antwort: „Es kommt darauf an, wen man fragt.“ Eine bessere Einladung zu einer Kontroverse kann nicht ausgesprochen werden!
