eJournals ZNT – Zeitschrift für Neues Testament 23/45

ZNT – Zeitschrift für Neues Testament
znt
1435-2249
2941-0924
Francke Verlag Tübingen
znt2345/znt2345.pdf61
2020
2345 Dronsch Strecker Vogel

Max Küchler: Jerusalem. Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt

61
2020
Stefan Alkier
2. vollständig überarbeitete Auflage mit einem Beitrag von Klaus Bieberstein Göttingen u.a.: Vandenhoeck & Ruprecht 2014, 816 S., (Orte und Landschaften der Bibel IV, 2) - XIL 816 S., gebunden - ISBN: 978-3-525-50173-3
znt23450119
Buchreport Stefan Alkier Max Küchler Jerusalem. Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt 2. vollständig überarbeitete Auflage mit einem Beitrag von Klaus Bieberstein Göttingen u. a.: Vandenhoeck & Ruprecht 2014, 816 S. (Orte und Landschaften der Bibel IV, 2) XII. 816 S., gebunden ISBN 978-3-525-50173-3 Zeitschrift für Neues Testament 23. Jahrgang (2020) Heft 45 120 Stefan Alkier Ich gebe es am besten gleich zu: Ich bin nicht ganz unparteiisch. Denn seit ich durch meinen Lehrer Erhardt Güttgemanns in einer Vorlesung zur Topographie der synoptischen Evangelien auf die Reihe „Orte und Landschaften der Bibel“ aufmerksam wurde, habe ich sie stets mit großem Interesse und Erkenntnisgewinn rezipiert. So ging es mir auch mit der ersten Auflage des Studienreiseführers zu Jerusalem von Max Küchler, auch wenn es sehr mühsam war, sich durch 1266 Seiten zu kämpfen und nicht bei jeder in diesem Buch geführten Debatte den Ertrag zu erblicken. Umso dankbarer war ich, als das Handbuch in überarbeiteter und vor allem sinnvoll gekürzter Weise 2014 in zweiter Auflage erschien. Und nun gleich meine beiden Kritikpunkte vorangestellt: Das Buch ist immer noch zu umfangreich, so dass es auch für einen geduldigen Leser eine echte Herausforderung ist, sich darin zurechtzufinden und es als Studienreiseführer zu nutzen. Als ich im April 2019 für 14 Tage zu Lehr- und Studienzwecken in Jerusalem war, war es in den ersten Tagen immer eine Frage, ob ich diesen schweren Schinken mit mir herumschleppe oder abends nachlese, was ich gesehen hatte. Ich entschied mich bald für das Mitnehmen des Buches und dafür, mir mehr Zeit vor Ort zu nehmen und lieber etwas anderes aus dem Rucksack auf dem Zimmer zurück zu lassen, denn das kann ich nur allen empfehlen, die Gelegenheit dazu haben werden: Das Buch in Jerusalem bei den zahlreichen Artefakten am Ort selbst zu lesen. Das hilft ungemein dabei, die Komplexität und Vielfalt dieser durch die Jahrtausende gewachsenen, zerstörten, neu aufgebauten, expandierenden und wieder verkleinerten und wieder expandierenden Stadt zahlreicher Religions-, Sprach-, Bau- und politischer Kulturen wahrzunehmen. Das leistet nun mal kein gewöhnlicher Reiseführer und deshalb ist es auch sehr präzise, wenn der Untertitel dieses Buches von einem „Handbuch und Studienreiseführer“ spricht. Manches, was ich beim vorbereitenden Lesen zu Hause als zu detailliert empfand, öffnete mir vor Ort die Augen. Also Kritikpunkt 1: Immer noch zu dick und dadurch zu schwer, aber viel würde ich nach meinem Studienaufenthalt auch nicht mehr kürzen. Kritikpunkt 2 wiegt demgegenüber schwerer. Es handelt sich um die Grundsatzfrage, wie historische Wissenschaften mit dem hohen Maß an notwendiger Hypothesenbildung in der Darstellung umgehen sollten. Ich weiß von vielen Exegetinnen und Exegeten, dass sie im universitären Lehrbetrieb erhebliche Komplexitätsreduzierungen in Kauf nehmen, um Studierende nicht zu verwirren. Ich halte das für gänzlich verfehlt. Wenn man nicht wissen kann, wann eine Schrift abgefasst wurde, und nur denkbare Zeiträume sinnvoll abgesteckt werden können, dann gehört es zur Wissenschaftlichkeit, die sinnvollen Spielräume von blankem Unsinn abzugrenzen, aber nicht einen bestimmten Zeitpunkt quasifaktisch anzuführen (was ganz nah an fake news grenzt). Wir können z. B. nicht Buchreport 121 wissen, ob die Johannesapokalypse zur Zeit Neros, Domitians, Nervas, Trajans oder gar erst Hadrians geschrieben wurde, und genau das müssen Studierende lernen. Ich habe in meinem Studium aber unsachgemäßer Weise als Faktum vermittelt bekommen: Die Johannesapokaylpse wurde 96 n. Chr. geschrieben. Wissenschaft kann und darf nicht eindeutiger sein, als ihre Daten, die sie zur Hypothesenbildung auswerten muss, welche im besten Fall zu belastbaren Plausibilitäten führen kann. Was hat das mit Küchlers Studienreiseführer zu tun? In der ersten Auflage wurde durch die vielen nachgezeichneten Kontroversen der hohe Grade an hypothetischen Schlüssen deutlich. Nun sind diese deutlich gekürzt worden, ohne das durch Neuformulierungen abzufedern. Dadurch gerät Manches in dem Buch doch etwas zu positivistisch und in unangemessener Weise zu eindeutig. Ich möchte das an nur einem Beispiel illustrieren: Auf den Seiten 12-40 wird eine tabellarische Chronik Jerusalems unter dem Titel „Geschichte Jerusalems im Überblick“ geboten. Diese tabellarische Chronik ist wirklich gut gelungen und ich werde sie in meinem eigenen Unterricht dankbar nutzen. Ich werde meinen Hörerinnen und Hörern aber deutlich machen, dass der Titel „Geschichte“ unangemessen ist, weil hier eben Daten in der Textsorte einer Chronik aneinandergereiht werden, die auch höchst eklektisch und lückenhaft sind und bleiben müssen, weil die Quellen es gar nicht erlauben, eine „Geschichte Jerusalems im Überblick“ zu schreiben. So wird etwa die Königszeit ab David auf der Basis einer positivistischen Verwertung alttestamentlicher Schriften ohne Wenn und Aber als Faktengeschichte dargestellt (vgl. 14 ff.), was aber kaum noch einer kritischen historischen Quelleninterpretation entspricht. Historisch-kritische Forschung ist doch nur dann kritische historische Forschung, wenn sie darauf verzichtet, mehr zu wissen als es ihre Quellen erlauben und auch deren Darstellungen geschichtlicher Abläufe kritisch prüft. Über David und Salomo wird man kaum noch im Stile einer Faktengeschichte schreiben können ohne klar zu machen, wie positionell und interessegeleitet die Schriften Israels verfasst sind. So ist das Konzept des Buches von Küchler auch in der zweiten Auflage zu sehr einem Geschichtsverständnis verpflichtet, das wie im 19. Jh. auf eine „systematische, auf Vollständigkeit angelegte Darstellung der Geschichte“ 1 zielt. Das Buch von Küchler ist so lehr- und perspektivenreich, dass es auf diese überambitionierte Geschichtshermeneutik des 19. Jh.s gut hätte verzichten können. Aber hier argumentiert historisch-kritische Exegese immer noch abseits von kritischer historischer Theoriebildung der Geschichtswissenschaften unserer Zeit. O. k., genug gemeckert. Ich gehe in meiner Benutzung dieses Studienführers damit so um, dass ich unangemessene Faktizitätsaussagen in Klammern setze 1 H. Leppin, Die frühen Christen. Von den Anfängen bis Konstantin, München 2018, 12. 122 Stefan Alkier und es mit dem Vorzeichen einer Hypothese versehe. Damit aber kann man sich mit diesem Buch wie mit keinem anderen Jerusalem in ihrem Glanz und Elend erschließen. Es ist sehr hilfreich, sich vor dem Gebrauch des Buches als Handbuch und Studienreiseführer in dessen Systematik einzuarbeiten: „Der Aufbau dieses Jerusalembuch folgt der Logik, dass Lage, Name und Geschichte eines Monuments erarbeitet sein müssen, bevor eine Besichtigung des heutigen Befundes richtig Sinn macht. Da jedes Monument zudem in seine Umgebung eingebunden ist, wird es stets als Teil eines größeren Ganzen dargeboten.“ (XI). Diese Abfolge - Lage, Name, Geschichte, Besichtigung - erfolgt auf jeder Ebene und hat man sich erst einmal an diese Logik gewöhnt, entfaltet sie eine immens orientierende Kraft. Die Kapitel sind dann topographisch angeordnet: (1) Mauern und Tore - Das Wachsen und Schrumpfen der Stadt im Rhythmus der Jahrhunderte. (2) Wo Jerusalem begann und zur Davidstadt wurde - Der Südosthügel. (3) Der heilige Berg und seine Heiligtümer - Der Nordosthügel. (4) Im Schatten des Haram - Von David bis zu Suleiman im archäologischen Park. (5) Vom Löwentor zum Jaffator - Der christliche Querweg. (6) Vom Damaskustor zum Ziontor oder zum Misttor - Zwei Prachtstraßen der Antike. (7) Das armenische Viertel - Ein Apostel, der ,Bruder des Herrn‘ und zwei Hohepriester im Schutzraum der Armenier. (8) Das jüdische Viertel - Nachhaltige jüdische Sesshaftigkeit im Innern der Altstadt. (9) Der Südwesthügel - Der christliche Sion: Pfingsten, Abendmahl und erster Bischofssitz, zugleich Davids späte Ruhestätte und des Kajafas byzantinischer Palast. (10) Das Kidrontal - Die Schlucht Jerusalems mit israelitischen, jüdischen und christlichen Gräbern und Legenden. (11) Das Hinnomtal - Tote, Gräber, Gericht und Hölle. (12) Der Ölberg - Die ,Höhe‘ Jerusalems für Israeliten, Juden und Christen. (13) Die Ostseite des Ölbergs - Neutestamentliche Erinnerungslandschaft der letzten Woche Jesu. (14) Im Norden der Altstadt - Höhlen und Gräber, Mauern und Straßen, Kirchen und Klöster im Vorfeld der Stadt. (15) Im Westen der Altstadt - Teiche, Gräber, Klöster und Museen in der israelitischen Neustadt. (16) Drei große Museen - Die biblisch-archäologischen Schatzhäuser Jerusalems. Beigegeben sind dann noch Anhänge mit wertvollen Hinweisen zu weiterer Literatur, ein „Kleines Lexikon der Fachbegriffe“, ein nach dem Lesen des Bandes sehr hilfreiches „Ausführliches Inhaltsverzeichnis“ und „Register der Orte“. Vorangestellt ist dem Band ohne Zählung „Eine Stadt, mit der niemand zu Rande kommt: Uruschalimum - Jeruschalem - Hierosolyma - Colonia Aelia Capitolina - Ilja‘ l al-Quds.“ Hier wird zunächst die Lage Jerusalems gezeichnet, dann die vielen Namen dieser Stadt thematisiert und schließlich die bereits oben angeführte tabellarische Chronik aufgelistet. Allein die Lektüre der drei Seiten Buchreport 123 9-12 zur „Vielnamigkeit unter der Dominanz ,Jerusalem‘“ macht einsichtig, warum „niemand zu Rande kommt“ mit dieser unvergleichbaren multireligiösen und multikulturellen Stadt. Es ist eine gleichermaßen faszinierende und traurig machende Stadt. Sie zeigt den unermesslichen Reichtum religiöser Kulturen und zugleich deren unfassbare Gewaltbereitschaft auf. Küchler gelingt es, nicht nur in die sichtbaren und hypothetisch erschlossenen Artefakte dieser Stadt einzuführen, sondern auch sensibel für beides zu machen: für die Größe und für das Elend dieser unvergleichbaren Stadt. Ich denke, ihm ist gelungen, was sein Wunsch im Vorwort ausdrückt: „Das Buch möge ein Beitrag zu einem redlichen, transparenten und toleranten Umgang mit der den drei monotheistischen Religionen gleichsam Heiligen Stadt sein.“ (X) Bei meinem Aufenthalt in Jerusalem habe ich einen sehr freundlichen und historisch bewanderten Muslim kennengelernt und viel Zeit mit ihm verbracht. Als er Vertrauen zu mir gefasst hatte, verriet er mir ein Geheimnis. Er sagte zu mir: „Stefan, es gab nie einen Tempel in Jerusalem, der stand 20 km weg von hier. Jerusalem war nie die Stadt der Juden.“ Ich lernte auch einen ungemein weltoffenen und vielgereisten jüdischen Siedler aus den Golanhöhen kennen, der mir eröffnete: „Ich habe nichts gegen Muslime und Christen, aber sie sollen verschwinden aus meiner Stadt. Jerusalem wurde von David gegründet und es war immer die Stadt der Juden allein.“ Ich hatte bei beiden nicht mit solchen irrwitzigen fake news gerechnet. Es sind beides liebenswerte und gebildete Menschen. Ihre Äußerungen aber zeigen, wie bitter nötig historische Forschung ist, wie sie in der Reihe der „Orte und Landschaften der Bibel“ vorgelegt wird. Mit dem Wissen aus Küchlers Studienreiseführer habe ich in beiden Situationen versucht, nicht mein Entsetzen über diese unfassbar unversöhnlichen fake news das Wort führen zu lassen, sondern freundschaftlich, aber bestimmt und korrigierend zu reagieren. Beide hörten interessiert zu. Ich weiß nicht, ob sie ihre verminten Positionen jemals aufgeben können. Beide haben in ihren Familien Todesopfer zu beklagen, die ihnen die jeweils andere Seite zugefügt hat. Aber wie Max Küchler hoffe auch ich darauf, dass kritisches historisches Wissen einen Beitrag zur Erschließung der Komplexität von Geschichte und Gegenwart leisten kann. Dazu trägt sein Jerusalembuch wie kein anderer Studienführer zu dieser unfassbaren Stadt bei. Nun ja, Restaurant-Tipps bietet es nicht. Für Aktivitäten wie Essen gehen, Musikveranstaltungen, Bars, Einkaufen etc. braucht man einen stinknormalen Reiseführer. Ich empfehle daher für den Besuch in Jerusalem beides mitzunehmen: einen üblichen Reiseführer, der aber knapp gefasst sein kann, weil man auf dessen „historische Informationen“ nicht angewiesen ist, wenn man das zugegeben schwere Buch von Küchler dabei hat. Aber leicht ist Wissensvermittlung sowieso eher selten. 124 Stefan Alkier Anders aber als den üblichen Reiseführer wird man Küchlers Jerusalembuch für das weitere Studium als Handbuch nutzen, auch wenn man längst wieder zu Hause ist. Es ist auch bestens geeignet für universitäre Lehrveranstaltungen. Für den schulischen Bereich dient es sicher der Bildung der Lehrpersonen, aber als Grundlage für Schülerreferate eignet es sich kaum. In Jerusalem hatte ich den Rat des Studienreiseführers beherzigt, mit einem Rundgang auf der Stadtmauer zu beginnen. Wenn ich mich nach Jerusalem zurückversetzen möchte, setze ich mich in meinen gemütlichen Lesesessel und lese ein Kapitel aus Küchlers Jerusalembuch. Mein Lieblingskapitel bleibt Kapitel 1: Es führt mir die faszinierenden „Mauern und Tore“ Jerusalems und seine daran ablesbare bewegte Geschichte so plastisch vor Augen, als wäre ich wieder vor Ort.