ZNT – Zeitschrift für Neues Testament
znt
1435-2249
2941-0924
Francke Verlag Tübingen
znt2856/znt2856.pdf0601
2026
2856
Dronsch Strecker VogelEditorial
0601
2026
Jan Heilmann
Susanne Luther
Michael Sommer
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1 Friedrich Gustav Lang, Logik und Arithmetik der Lukas-Architektur (URL: https: / / stic homet rie.de/ pdf/ Lk-Tabellen.pdf). 2 Morgenthaler, Statistik, 164. Editorial Liebe Leserin, lieber Leser, das Heft 56 der ZNT widmet sich wieder einer neutestamentlichen Schrift, dem Evangelium nach Lukas. Mit gut 19.400 Wörtern bzw. hochgerechneten 2856 Stichoi, 1 dem antiken Zeilenmaß v. a. zur Abrechnung von Schreiberleistungen, ist das Lukasevangelium nicht nur das längste Evangelium im kanonischen Neuen Testament, es hat mit 2055 verwendeten Lexemen auch den umfang‐ reichsten Wortschatz, der nur durch Act und die Paulusbriefe übertroffen wird. 2 Angesichts der umfangreichen Forschung zum Lukasevangelium kann ein ZNT-Themenheft nur einen kleinen Ausschnitt aus dem gegenwärtigen Diskurs präsentieren. In der Rubrik NT aktuell führt uns Christfried Böttrich mit auf den Weg von Lukas, einem „Wanderer zwischen den Welten“. An Hand exemplarischer Fra‐ gestellungen wie dem Verhältnis zwischen Evangelium und Apostelgeschichte, dem synoptischen Problem, dem Verhältnis zur antiken Historiographie, der Pragmatik und dem Verhältnis zwischen Israel und der Welt der Völker führt er skizzenhaft in aktuelle Forschungsdiskurse ein, gibt anschließend einen Über‐ blick über Einleitungsfragen und widmet sich zentralen Texten und Themen des Lukasevangeliums wie etwa der „Hinführungserzählung“, der Petrusfigur, dem Pharisäerbild und der Himmelfahrt. Matthias Becker untersucht im ersten thematischen Beitrag die Beziehung zwischen dem Lukasevangelium und der epikureischen Philosophie, wobei er die neuere Tendenz in der Forschung aufnimmt, den Charakter des frühen Christentums als Lese- und Bildungsreligion hervorzuheben. Während Lukas in der Apostelgeschichte explizit Epikureer erwähne (Act 17,18) und sich als erster christlicher Autor mit ihnen auseinandersetze, zeige das Lukasevangelium so‐ wohl Anknüpfungspunkte als auch deutliche Abgrenzungen zur epikureischen Philosophie. Zu den Anknüpfungspunkten gehörten die biographische Darstel‐ lung Jesu als vergöttlichter Retter und Arzt, die Betonung der Freundschaft sowie eine skeptische Haltung gegenüber der Ehethemen, die auch in der epikureischen Philosophie zentral gewesen seien. Gleichzeitig grenze sich Lukas klar ab durch die Darstellung eines öffentlich wirkenden Jesus, die Kritik am Hedonismus, die Betonung der göttlichen Vorsehung und den Glauben an ein Leben nach dem Tod mit Gericht und ewigem Leben. Im zweiten Beitrag stellt Kaja Wieczorek ausgehend von ihrer Disserations‐ schrift die verbreitete These einer Rom-freundlichen Haltung des lukanischen Doppelwerks in Frage und entwickelt stattdessen eine subtile herrschaftskriti‐ sche Interpretation. Wieczorek argumentiert, dass die Geburtsgeschichte Jesu und die Summarien zur Jerusalemer Gütergemeinschaft durch Anspielungen auf das römisch-imperiale Konzept vom Goldenen Zeitalter eine Gegenwirklichkeit zum Kaiserkult propagierten. Sie verwendet Homi K. Bhabhas postkoloniales Mimikry-Konzept, um zu erklären, wie literarische Imitation des Kaiserkults als subtiles Gegenprogramm verstanden werden könne. Die christusgläubigen Gemeinden entwickelten durch ihre hybride Existenz zwischen jüdischem und hellenistisch-römischem Kontext eine „Wiederholung mit Differenz“, die alternative Sozialgestalten als Kontrastgesellschaft ermöglichte. Wolfgang Grünstäudl erweitert die Frage nach Dubletten im Lukasevange‐ lium auf das für Marcion bezeugte Evangelium und zeigt damit exemplarisch einen neuen Weg im Paradigmenstreit zum Synoptischen Problem auf. Die Kontroverse bestreiten Stefan Alkier und Bart J. Koet. Während Alkier ausgehend von seiner Arbeit an der Übersetzung Frankfurter Neues Testament zusammen mit dem Gräzisten Thomas Paulsen die These von einem gemein‐ samen Verfasser des Lukasevangeliums und der Apostelgeschichte in Zweifel zieht, bejaht Koet die grundsätzliche methodische Kritik Alkiers, verweist aber darauf, dass der Umgang mit dem Alten Testament für das Profil eines Verfassers spreche. In der Rubrik Hermeneutik und Vermittlung erschließt Johannes Woyke didaktische Potentiale von Lk 15,11-32, stellt dabei verschiedene exegetische Kontroversen als hermeneutische Räume vor und entwickelt verschiedene lebensweltliche Bezugsmöglichkeiten für den schulischen Unterricht, von Gerechtigkeitsfragen über Familiendynamiken bis hin zu gesellschaftlichen Verteilungskonflikten. Als didaktischen Fokus schlägt er die Frage vor, ob Men‐ schen sich an bedingungsloser Annahme freuen könnten - eine „alternativlose Freude“ versus eine „freudlose Alternative“. 8 Editorial Für den Buchreport wurde die neue Übersetzung des Lukasevangeliums und der Apostelgeschichte von Stefan Alkier und Thomas Paulsen im Rahmen des Frankfurter Neuen Testaments ausgewählt, das von Marco Frenschkowski in dezidierter Positionalität rezensiert wird. Die Herausgebenden erklären explizit, dass sie sich mit dem Abdrucken der Rezension diese Position nicht zu eigen machen, sondern in der Rezension vielmehr einen Auftakt und einen Impuls zu einer notwendigen und fortzuführenden Debatte und eine Anregung zur eigenen Erkundung des FNT sehen. Die Herausgebenden haben das FNT zur Besprechung ausgewählt, weil sie es als wichtigen Beitrag zur Auseinanderset‐ zung mit der Sprache des Neuen Testaments in seinem philologisch-historischen Entstehungskontext verstehen. Gerade die Fremdheit und auch Sperrigkeit, welche die Übersetzung intendiert an vielen Stellen prägt, enthält ihres Erach‐ tens ein wertvolles Irritationspotential, das zur Auseinandersetzung mit dem Text und seiner Alterität anregt. Wir wünschen Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, eine anregende und gewinn‐ bringende Lektüre des vorliegenden Heftes. Jan Heilmann Susanne Luther Michael Sommer Editorial 9
